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Helmut Newton : Die nackte Frau bin ich

  • -Aktualisiert am

Helmut Newton, 1920-2004 Bild: AP

Seine Aufnahmen weiblicher Körper machten Helmut Newton zu einem der bedeutendsten Fotographen der Welt. Der 83jährige Künstler kam bei einem Autounfall in Hollywood ums Leben.

          5 Min.

          Weil seine Mutter ihn und das Kindermädchen zum Mittagsbrot täglich und bei jedem noch so grauen Berliner Wetter zwei Stunden spazieren schickte, hatte Helmut Newton vom Winter genug. Er und seine Frau June zogen 1981 nach Monte Carlo, wo sie vor ihrem Strandzelt im Beach-Club noch im Oktober in der Sonne sitzen konnten, das Wasser warm blieb und Newton abends von seiner Hochhausterrasse aus einsame Schiffe und das Mondlicht auf den Wellen knipsen konnte.

          Was in diesen Seebildern vom Romantiker Caspar David Friedrich steckte, war ihm gerade recht. Newton verlieh der satten Glamourwelt des Südens einen Hauch von preußischem Existentialismus, im Paradies der Reichen entdeckte er den Tod. Der erschien ihm in der Geisterstunde, wenn die Gäste abgelegener Luxushotels und -villen schlafen gingen, er die Salontüren verriegelte und mit den Models, die tagsüber Kleider von Chanel und Yves Saint Laurent vorgeführt hatten, Scharaden der Blöße inszenierte, verstörende Szenen der Unterwerfung und Domination. Reckten sich nackte lange Glieder - das Kapital der schönen Frau - in erstarrten Posen der Selbstverteidigung. Die Männer in dieser Albtraumwelt waren immer korrekt gekleidet, hoffnungslos eingepanzert, überfordert und bis aufs Blut gereizt, von der explosiven Präsenz der weiblichen Sexualität, deren Macht im Maße ihrer Ausgeliefertheit zunahm.

          „Nordfleisch“

          Begeistert berichtet Newton im Vorwort zu seinem Photoband "White Women" (1976) von einer Leuchtreklame, die er einmal auf dem Weg zum Berliner Flughafen entdeckte: "Nordfleisch", las er in fahlen Neonlettern an einer Hauswand und erkannte in diesem Wort die Essenz der Faszination, die der Frauenkörper auf ihn ausübte. Er war eine Ware, etwas krudes Materielles und besaß zugleich eine irreduzible Poesie.

          Der Fotograf und sein Lieblingsobjekt: Dominant wirkende Frauenkörper, die mit ihrer offenen Sexualität provozieren

          Nach dieser Poesie war Newton auf der Suche, seit ihn eine Herzattacke Anfang der achtziger Jahre auf seine inneren Dämonen verwies. Die nackte Frau - ob in Biarritz oder Miami - war immer eine Gestalt, die aus der Kälte kam, eine Venus im Pelz und die Chiffre der Lebendigkeit, für die es kein Argument, keine Transzendenz, keine höhere Würde gibt als den Schock ihrer Erscheinung. Mit ihr stellte sich Helmut Newton dem Trauma seiner Vertreibung 1938 aus dem Nazideutschland, der Erfahrung der Vogelfreiheit, den Nächten, in denen er sich bei Berliner Freunden versteckte, während sein Vater, ein Berliner Kurzwarenfabrikant, bei der Gestapo einsaß.

          Nur die Haut gerettet

          Diese Wochen nach der Kristallnacht, als seine Mutter fieberhaft um die Ausreiseerlaubnis kämpfte, haben sich in sein Werk tief eingeschrieben. Newton wußte, was es heißt, seine Haut und nichts als sie zu retten. Er hat am eigenen Leib erlebt, wie es ist, wenn der Körper zum einzigen Kapital wird. Flaubert vergleichbar, der im Skandalprozeß um sein populärstes Buch bekannte: "Madame Bovary, c'est moi", sagte auch Newton mit seinen Photos: "La femme nue c'est moi" - der weibliche Akt, das bin ich.

          Er hat sich auf Stilettos, in einem Nonnengewand und nackt vor dem Spiegel abgelichtet. Die Empathie mit der condition feminine war immer präsent. Er erspürte das Männliche im Lustobjekt des Manns, seine Frauen waren Soldaten einer weltweiten Befreiungsarmee. "Sie beschützen mich", hat er von seinen "Big Nudes" (1982) gesagt, diesen Frauen, die lange vor Lara Croft in der unwiderstehlichen Form ihrer herrlichen Körper auf den Betrachter zumarschieren und die er "Sie kommen!" nannte, nach dem legendären Ruf, den ein deutscher Soldat in der Normandie ausgestoßen haben soll, als er die Armada der Alliierten am Horizont entdeckte.

          Rätsel der Fleischlichkeit

          Newton hat das Rätsel der Fleischlichkeit seither umkreist und sich selbst - verkabelt, an Maschinen angeschlossen - auf der Intensivstation photographiert: hilflos, aber nicht bestechlich, mit diesem alles durchdringenden Blick, der alles notiert und der Krise standhält. Er liebte Röntgenaufnahmen und hat teure Models vor den Durchleuchtungskasten gestellt, hypnotisiert von diesem Kippbild zwischen Schönheit und Tod, dem abrupten Bruch und der Unmöglichkeit, eins aus dem anderen abzuleiten.

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