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Helmut Dietl : Die Soßen- und Straßenphilosophie

Der Monaco Franze, gespielt von Helmut Fischer, in seiner natürlichen Umgebung. Bild: Picture-Alliance

Es gibt mehr regionale Serien denn je. Doch Helmut Dietls Kunst ist verloren gegangen: einen Ort so zu inszenieren, dass er leuchtet. Das Fernsehen von heute sollte sich dieses Erbes besinnen.

          Die Donnersbergerbrücke in München ist ein Horror. Sie verläuft nicht weit vom Hauptbahnhof über ungefähr eine Million Gleise, es zieht, es ist laut, es ist hässlich. Und doch wird jedem, der Helmut Dietls Fernsehserie über den „Monaco Franze“ kennt, leichter ums Herz, wenn von dieser Brücke die Rede ist: Das liegt am Donnersberger Hof, wo der Franze mit seinem Freund, dem Kopfeck Manni, immer am Faschingssamstag vor dem Faschingsdienstag zum Hausball hingegangen ist.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Leider ist aber auch aus dem Donnersberger Hof ein Horror geworden, als die beiden diesmal dort eintreffen, in der fünften Folge von Dietls dreißig Jahre alter Serie: Es gibt nämlich keinen Hausball mehr, dafür orgeln jetzt die Spielautomaten, und das Plastik und die Brathendl glänzen, weil der Wirt, der alte Kugler, auf Imbiss umgestellt hat. Es rechnete sich anders einfach nicht mehr für ihn. Also ziehen der Franze und der Kopfeck Manni in ihren Kostümen weiter, ein Leichtmatrose und ein Herr der sieben Meere auf der Suche nach dem Glück in einer Münchner Winternacht.

          Helmut Dietl ist am vergangenen Montag gestorben, im Alter von siebzig Jahren. Kein Nachruf auf diesen großen Regisseur und Autor ist in den Tagen danach erschienen, in dem nicht auch von München die Rede war. Davon, was Dietl in Serien wie eben „Monaco Franze“, aber auch in den „Münchner Geschichten“, „Kir Royal“ oder dem „Ganz normalen Wahnsinn“ aus seiner Heimatstadt gemacht hatte, und was umgekehrt diese Stadt aus seinen Serien: Sie gaben sich gegenseitig Halt und Sinn und Glanz.

          Heimweh nach München

          Was man auch daran merkt, wie in München bis heute das Erbe all dieser Serien gepflegt wird, in Bars, auf T-Shirts, bei öffentlichen Wiederholungen auf den Plätzen der Stadt. Sogar ein Denkmal für Helmut Fischer, der Monaco Franze gespielt hat und 1997 starb, haben sie aufgestellt, an der Münchner Freiheit.

          Jetzt sagen aber die einen, es habe dieses Monaco des Helmut Dietl eigentlich nie gegeben, und die anderen, dass es mit dem Tod des Regisseurs endgültig verschwunden sei, und wenn man genau hinschaut, wie im Fall vom (übrigens komplett erfundenen) Donnersberger Hof, dann merkt man, dass Dietls Münchner Geschichten ja doch schon damals vom Verschwinden einer Stadt erzählten: Da ließ ein heimwehkrankes Münchner Kind, aufgewachsen in Laim, die Adressen und Orte und Frauen und Männer seiner Kindheit wiederaufleben.

          Aber wie das so ist mit den Erinnerungen, sie stimmen nie, sie verschönern und vergolden oder vergiften, weswegen es immer ein verwandeltes München war, das man in Dietls Serien zu sehen bekam.

          Mario Adorf und Helmut Dietl bei den Dreharbeiten des Films „Rossini, oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“

          Doch gerade deswegen, wegen der hochgradigen Subjektivität dieser Fernseherzählungen also, Dietl selbst hat einmal von „Märchen“ gesprochen, ließe sich viel lernen darüber, wie man eine Stadt, ein Dorf, eine Landschaft in Serien ins Bild setzt. Und was sich da alles lernen ließe!

          Es mangelt zwar nicht an regionalen Stoffen im deutschen Fernsehen, ganz im Gegenteil. Im Grunde besteht das deutsche Serienfernsehen seit Jahren nur aus zwei Zutaten: Kriminalität und Regionalität. Die Kombination heißt dann „Rosenheim-Cops“ oder „Großstadtrevier“ oder „Mord mit Aussicht“ oder „Morden im Norden“. Oder es werden mit der humorlosen Rigorisität des Länderfinanzausgleichs immer neue „Tatort“-Teams über die Bundesrepublik verteilt – am nächsten Sonntag zum Beispiel kommt Franken dazu, mit dem tollen Fabian Hinrichs und der noch tolleren Dagmar Manzel, eine Dietl-Schauspielerin, übrigens.

          Mikrohistorische Stadtvermessung

          Aber dieses Regionalfernsehen, das oft in München spielt („Monaco 110“, „München Mord“, Franz Xaver Bogners „München 7“ ist zu eigensinnig, um in diese Reihe zu passen) und das vom Dietlschmelz geradezu lebt, von der Erinnerung an ein Fernsehmünchen, dessen Aura auch die blödesten Schwächen im Drehbuch in milderes Licht taucht: Dieses neue Regionalfernsehen ist da grobtouristisch, wo Dietl fast schon mikrohistorisch vorging.

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