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Helmut Berger zum Siebzigsten : Das Schöne ist nur des Schrecklichen Anfang

Helmut Berger: Ohne sein Gesicht und seinen Körper, aufgetankt mit Narzissmus bis zum Anschlag, ist das Kino der siebziger Jahre undenkbar. Bild: ddp images

Helmut Bergers Schönheit, mit Wehmut getränkt und Blasiertheit imprägniert, ist eine Schönheit am Abgrund. Seine höchste Kunst ist das minimalistische Spiel an der reinen Oberfläche.

          Von Helmut Berger zu sprechen heißt, von Schönheit zu handeln. Alles andere wäre verlogen, auch wenn der Mann selbst das bestimmt kaum noch ertragen kann. Von einer Schönheit nämlich jenseits von Geschmack und individueller Vorliebe, von angeborenem oder zugeschriebenem Geschlecht sowieso. Bergers Schönheit war - und ist noch immer - mit Wehmut getränkt, mit Blasiertheit imprägniert, in ihr lauert ständig Aggressivität sprungbereit. Es ist die Schönheit am Abgrund, und ohne Abgrund ist Schönheit übrigens gar nicht erst denkbar. Für ihn ist der beste Dichter gerade gut genug, Rainer Maria Rilke, dieser heldenhaft schlimmste Beschwörer der Vergänglichkeit: „Denn das Schöne ist nichts / als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, / und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, / uns zu zerstören.“ Das schreibt Rilke so auf, gleich am Beginn der ersten der „Duineser Elegien“, als wär’s für den erfunden, der 1944 als Helmut Steinberger in Bad Ischl in Österreich geboren ist.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Helmut Berger verfügt über ein Gesicht und einen Körper, aufgetankt mit Narzissmus bis zum Anschlag und darüber hinaus, ohne die das Kino der siebziger Jahre undenkbar ist. Sein Meister, sein Liebhaber und vielleicht auch sein Fluch ist Luchino Visconti, der Regisseur, dem er als sehr junger Mann zufiel wie eine kostbare Frucht. Viscontis fatale, radikal melodramatische Ästhetik macht Berger aus dem Nichts zum Weltstar. Visconti ist genialer Führer und Verführer, er zieht Berger unwiderstehlich an - und aus. Erst 1969 für „Die Verdammten“, in denen er ihn den Industriellenspross Martin von Essenbeck geben lässt, dem seine Homophilie unter den Nazis zum Verhängnis wird. Dann 1972 in „Ludwig“, in dem Berger den schönheitsobsedierten und unglückseligen Bayernkönig gibt; mit ihm spielt Romy Schneider als Cousine Elisabeth, eine andere Untergeherin, unvergesslich verschwistert. Vorher war Helmut Berger aber nach London geflüchtet.

          Schwindel, Taumel, Sog

          Er dreht dort mit einem vergessenen Regisseur „Das Bildnis des Dorian Gray“ nach Oscar Wildes Roman, katapultiert in die Ära der Sechziger. Das wird ihn zum Popstar qualifizieren - innerlich verkommen, unberührbar, gehetzt und begehrenweckend. Dafür muss er kaum eine Miene bewegen, jede Bewegung ist reiner Minimalismus. Noch einmal holt ihn Visconti zu sich, vielleicht ist das überhaupt die Rolle seines Lebens: In „Gewalt und Leidenschaft“ tritt Helmut Berger 1974 an gegen Burt Lancaster. Er ist blondiert wie die Sünde und schön wie der Tod.

          Helmut Berger (r.) mit Jeremie Renier, Aymeline Valade und dem Regeissuer Bertrand Bonello des Films „Saint Laurent“ bei den Filmfestspielen in Cannes.

          Mit der unerhörten Oberflächlichkeit seiner Darstellung des gescheiterten Achtundsechziger-Aktivisten Konrad Hübel, der sich zur Nutte eines Dolce far niente des faschistoiden Großkapitals in Italien gemacht hat, spielt er selbst Silvana Mangano an die Wand. Obwohl er, einmal mehr, fast nicht spielt, schon gar nicht agiert. Er hat diese ungeheure Präsenz, eine unverdiente Gnade und perfide Waffe zugleich. Einzig der reife Lancaster hält ihm Stand, und was die zwei Männer in ihrem unterkühlten Kampf miteinander und umeinander da vorführen, ist die schiere Wucht der Agonie. Er habe „Gewalt und Leidenschaft“ nicht gemocht, sagt Berger 2006 in einem Interview, ein Puzzle sei der Film. Wie dem auch sei, er selbst ist damit an der Klimax seiner Möglichkeiten angelangt.

          Noch einmal Rilkes Elegie: „Ja, die Frühlinge brauchten dich wohl. Es muteten manche / Sterne dir zu, daß du sie spürtest. Es hob / sich eine Woge heran im Vergangenen, oder / da du vorüberkamst am geöffneten Fenster, / gab eine Geige sich hin. Das alles war Auftrag. / Aber bewältigtest du’s?“ Es muss schwierig sein, die Bürde dieser Schönheit durch alle Anfechtungen zu retten. Es lockt dieses gefährlichste Spiel um Leib und Seele, „Vertige“ heißt es, der Schwindel, der Taumel, der Sog.

          Die hohe Kunst der kleinsten Bewegungen

          Helmut Bergers Sturz beginnt allzu früh, Viscontis Tod im März 1976 reißt ihn mit sich. Doch selbst in dem obszönen Nazi-Bordell-Schinken „Salon Kitty“, den er in ebendiesem Jahr unter der Regie von Tinto Brass dreht, glänzt seine - ja, es ist das Wort - Erscheinung. Aber mit all den schrecklichen Auftritten, mit denen sich Berger seit nun mehr als zehn Jahren in Talkshows und an ähnlichen Orten produziert hat - wobei sein kurzes, vielbesprochenes Gastspiel im RTL-„Dschungelcamp“ im vergangenen Jahr noch am charmantesten war -, ist er an die Grenzen seiner splendiden Anarchie geraten. Seine Verweigerung sozialkompatiblen Verhaltens hat ihre Unschuld verloren. Der Abglanz vom dunklen Leuchten einstiger Betörung erlischt.

          Doch da ist Hoffnung: Gerade sah man Bilder von ihm auf dem Roten Teppich bei den Festspielen in Cannes. In Bertrand Bonellos Film „Saint Laurent“ spielte er den alten Yves Saint Laurent, offenbar unwiderstehlich, grandios. Herr Berger, möchte man ihm deshalb zurufen, sammeln Sie sich doch, noch einmal! Er war ein ganz Großer, selbst in den Niederungen. Wer, wenn nicht er, kann zeigen, dass er nicht der Narr ist, den er so frivol gibt. Er kann Viscontis Testament vollstrecken. Aber nicht als der prekäre Affe, das begaffte Schmusetier einer voyeuristischen Klientel, sondern mit seiner hohen Kunst der kleinsten Bewegungen, der schärften Distanzierung. Da ist die Würde eines naturnotwendig gealterten Mannes, der noch nicht fertig ist mit sich und der Welt. Es gibt sehr viele, die ihn wiedersehen wollen, auferstanden aus den Schlacken. Das ist der Geburtstagswunsch an Helmut Berger, der am kommenden Donnerstag siebzig Jahre alt wird.

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