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Deutscher Opernheld in Moskau : Selbstversuche mit eisernen Fußketten

  • -Aktualisiert am

Wenn ihr mich hier erfrieren lasst, dann stirbt mein Patient: Der Tenor Vitali Fomin (rechts) singt den „Heiligen Doktor von Moskau“ als junger Mann. Bild: Irina Shymchak

Der Held der Armen: Die Oper „Doktor Haass“ nach Ljudmila Ulitzkaja am Moskauer Helikon-Theater würdigt einen deutschen Arzt, der in Russland eine Legende ist.

          4 Min.

          In der Moskauer Helikon-Oper läuft in dieser Saison ein Musikdrama über einen deutschen Arzt, der in seiner Heimat nur wenig bekannt, in Russland aber eine Legende ist. „Doktor Haass“, so der Titel des Stücks, schildert den Lebensweg des Arztes Friedrich Joseph Haass (1780 bis 1853), der, ein Zeitgenosse von Zar Nikolaus I., als „Heiliger Doktor von Moskau“ verehrt wird. Der in Bad Münstereifel geborene Haass kam als junger Mediziner ins Russische Reich, behandelte zunächst die vornehme Gesellschaft, um sich dann den Strafgefangenen und Armen zu widmen, deren Los er entscheidend verbesserte, wobei er jedoch Amtsträger gegen sich aufbrachte und selbst verarmte.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Initiative, diese Vita auf die Bühne zu bringen, kam von der Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja, die jüdischer Herkunft, aber der Ethik nach Christin ist. Ulitzkaja verfasste ein Libretto über den Katholiken Haass, den orthodoxe Würdenträger kritisierten, während er ihnen das Christentum vorlebte. Die katholische Kirche startete vor einigen Jahren den Prozess der Seligsprechung von Fjodor Petrowitsch, wie man Haass in Russland nannte. Am Abend des 20. Juli wird der Postulator dieser Seligsprechung, der Jesuitenpater Germano Marani, in der Chrysanthus-und-Daria-Kirche in Bad Münstereifel, wo Friedrich Haass getauft wurde, eine Messe zelebrieren und anschließend über das Verfahren und die Verdienste des Arztes berichten.

          Auf Doktor Haass sei sie schon als Kind aufmerksam geworden, obwohl die Sowjetmacht nichts von christlichen Wohltätern gehalten habe, sagt Ulitzkaja. Aber auf Haass’ Grab auf dem Moskauer Wwedenski-Friedhof, wo auch ihre Vorfahren begraben seien, hätten immer frische Blumen gelegen. Das tun sie übrigens auch heute. Haass kam als Hausarzt der Fürstenfamilie Repnin-Wolkonski mit 26 Jahren nach Moskau und eröffnete eine florierende Privatpraxis. Er erforschte erstmals die heilkräftige Wirkung der Quellen von Kislowodsk, Schelesnowodsk und Essentuki im Kaukasus, verfasste einschlägige Beiträge über die Bekämpfung des Krupp-Syndroms bei Kindern und diente nach dem Einfall Napoleons als Militärarzt bei der russischen Armee. Als Moskauer Stadtphysikus, zu dem er 1822 ernannt wurde, forderte Haass die Einführung einer medizinischen Soforthilfe, Krankenhausbetten für mittellose Leibeigene und die rechtzeitige Impfung gegen die grassierenden Pocken. Die ärztlichen Kollegen sahen darin vor allem „Unruhestiftung“ eines hergelaufenen Ausländers. Von den eigenen Mitarbeitern angefeindet, legte Haass sein Amt nach vier Jahren nieder.

          Seine Lebensaufgabe fand Haass, als er 1828 dem vom Moskauer Gouverneur Dmitri Golizyn und dem Metropoliten Filaret gegründeten Gefängsnisfürsorgekomitee beitrat. Damals waren die Zellen des Moskauer Butyrka-Gefängnisses Schmutzhöhlen ohne Fenster, Pritschen oder Waschmöglichkeiten. Haass machte aus der Butyrka eine Musteranstalt mit hellen sauberen Zellen, Waschbecken, einem Brunnen im Hof sowie Werkstätten für die Gefangenen, wobei er eigene Finanzmittel aufwandte. Die Gefängnisaufsicht erblickte darin übertriebenen „Luxus“ für die Gefangenen.

          Der Chor der Unglückseligen zieht vorbei

          Besonders entsetzte Haass sich über die Fesseln, die Sträflingen auf ihrem monatelangen Marsch nach Sibirien angelegt wurden. Für leichtere Vergehen Verurteilte kettete man zu sechst an den Händen an eine Stange, um Fluchtversuche zu verhindern. Sie mussten wie ein zusammenhängender Körper schlafen, ihre Notdurft verrichten und Leidensgenossen, die unterwegs starben, bis zur nächsten Etappe mitschleppen. Haass erreichte, dass die Stange abgeschafft wurde. Außerdem gelang es ihm, die schweren Fußklammern für Kriminelle, die deren Gliedmaßen bis auf die Knochen aufscheuerten, durch leichte, gepolsterte ersetzen zu lassen, die er in Selbstversuchen getestet hatte. Nachbildungen dieser „Haass-Fesseln“ schmücken sein Grabmal.

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