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Helge Schneiders Musical : Das Pferd singt den Blues

Schneiders Heldin: Julie Bräuning als „Wendy” Bild: dpa/dpaweb

Helge Schneider als Klassiker: Die Premiere seines Stücks „Mendy - Das Wusical“ im Schauspielhaus Bochum präsentiert sprechende Kegel, Mütter mit Hackebeilen und Musiker als Springreiter. Das Publikum wieherte.

          Das Programmheft sieht, täuschend echt, aus wie ein Reclamheft: „Helge Schneider: Mendy - Das Wusical“ verheißt der quietschgelbe Umschlag, und darunter ist, imagekonform bis zur Sonnenbrille, der Autor abgebildet, der mit aufgestrecktem Arm ein Schild in der Hand hält: „H“ wie „Haltestelle“ (oder „Herrentorte“) steht darauf.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Doch nicht nur auf dem Papier scheint der Metakomödiant schon geworden, was gerade er nur zum Lachen finden müßte: ein Klassiker. Denn was kann es für einen genialischen Musikclown, der aus Mülheim an der Ruhr stammt, Höheres geben, als im Schauspielhaus Bochum, das sich ihm zuliebe Singsingspielhaus Klochum nennen müßte, sein Theaterdebüt zu feiern?

          Das mag noch so schräg ausfallen, schief gehen kann es nicht, denn der Kult ist kodiert und der Jubel programmiert. So war es denn auch. Ob die Theaterleitung mit Helge Schneider aufs richtige Pferd gesetzt hat, bleibt dennoch die Frage. Beim jungen Publikum schon, das Durchschnittsalter der Premierebesucher schien um zwanzig Jahre gefallen, und bei den Medien sowieso, die Übertragungswagen beparkten den Theatervorplatz, und bereits zur Pause lauerten Reporter den Zuschauern mit Mikrophonen auf: „Darf ich Sie mal was fragen?“

          Trabrennbahn Gelsenkirchen

          Aber was sonst vor den Wagen namens Schauspielhaus Bochum gespannt wird, kommt eben aus einem ganz anderen Stall. Die Veranstaltung hoppelt wie ein zotteliges Shetland-Pony daher, das in der Wiener Hofreitschule auftritt oder, um im Ruhrgebiet, hier Helge Schneiders Bezugsrahmen, zu bleiben, auf der Trabrennbahn Gelsenkirchen ins Rennen geht.

          Aus dieser Diskrepanz entspringt zwar auch Komik, vor allem aber eine Überdosis Hybris: Wen der Hafer sticht... Helge Schneider setzt auf Pferde, seine so dämliche wie durchgeknallte Story (Mitarbeit: Andrea Schumacher) scheint einem Teenie-Magazin entlaufen: Wendy ist zeitlebens fünfzehn und Hengst Mocca ihr einziger Freund. Mutter Gudrun ist streng und treibt's mit dem Knecht, der stottert und sich nie die Stiefel abputzt, Vater Heinz fährt seit einem Rodeounfall im Rollstuhl und - „mein einziger Lebensinhalt“ - einen weißen Porsche.

          Das Pferd, ein Mensch

          Mit dem Hackebeil verfolgt „Lady Mamma“ die pubertierende Tochter um den Küchentisch, doch das landet aus Versehen im Rücken des Liebhabers. Als der Vater, weil er „Niederquerschnittsreifen“ braucht, Mocca an den Schlachter verscherbelt, läßt sich Wendy für ihren Liebling eintauschen. Von Gewissensbissen geplagt, springt Papa nachts in die Porsche, überrollt - „Was war das? Eine Bodenwelle“ - seine Frau, setzt, um sein Kind zu finden, den Schlachthof in Brand und kommt in den Flammen um. Wendy aber ist frei und wirft sich - „oh du mein treuer Freund“ - Mocca in die Arme, der ihr - oh Wunder - gesteht: „Ich bin ein Mensch!“ Happy-End.

          „Morgen Papa, so früh schon auf den Beinen?!“ begrüßt Wendy ihren Vater, der im Rollstuhl fährt. Und trällert alsbald: „Ach, ich arme Wendy, ich arme Wendy / Ach, ich armes Mädchen,/ Ja, was mache ich nur durch; mir geht es scheiße./ Meine Mutter ist doof, sie ist total beschissen.“ Humor von Helge Schneider. Oft zielt er unter die Gürtellinie und trifft doch mitunter das Zwerchfell.

          Sprechende Kegel

          Denn der Witz entspringt nicht dem schlichten Text, sondern dem schiefen Verhältnis, in das er zu Aktion und Musik gebracht wird: Tiere werden von Menschen gespielt, selbst ein Kegel kann sprechen, der Tod flattert als schwarzer Vogel umher, Wiederholungen bauen kommunikative Staudämme und hochtrabende Zitate komische Sollbruchstellen, Pointen werden angezettelt, um kunstvoll zu versanden.

          Die Musik gibt den Plattheiten Pfiff: Vater und Schlachtermeister läßt sie das verpaßte Geschäft um Mocca im Opernduett kommentieren, das Pferd - „Ich bin so allein“ - den Blues singen und das „Wusical“ über die Feld-Wald-und-Wiesen-Weiden der Jazzgeschichte grasen: Vom Ragtime zum Rock'n'Roll, vom Boogie Woogie zum Bebop. Helge Schneider hat eine kauzige Komödie der Kontrafaktur geschrieben. Die aber wirkt im Schauspielhaus ganz schön verloren und wäre im „Theater unter Tage“ besser aufgehoben.

          Musiker im Springreiterdreß

          Ein Revuerahmen aus Glühbirnen faßt die Bühne von Volker Hintermeier, auf der Rückwand blinkt „Mendy“ in allen Farben des Sonnenaufgangs, und seitlich sitzen die Musiker - Jochen Bosak (Piano), Karlos Boes (Saxophon), Mike Gosen (Percussion) - im Springreiterdreß. Links eine ärmliche Wohnküche, wo Mocca traulich den Kopf durchs Fenster streckt, rechts eine Sitzecke in ockerbraunem Kunstleder und dazwischen ein ausgestopfter Pferdekopf. Die Bühne dreht sich und wird zum Kühlhaus, in dem die Tierhälften wie Sandsäcke in einem Boxclub hängen und der Schlachter balletös tänzelnd das Messer wetzt.

          Für die Schauspieler hängt der Futterkorb ziemlich hoch: Julie Bräunings Wendy tollt mit Blondperücke und girliehaftem Augenaufschlag, Bernd Rademachers Vater rollt als wuschelköpfiges Helge-Schneider-Double, allein für Martina Eichner-Acheampong, die die Mutter zwischen praller Operntragödin und prolliger Petticoatschlampe auf die Bretter donnert, wird die Rolle zum gefundenen Fressen. André Meyer bewahrt Mocca die Naivität des Füllens, und auch die Darsteller der Pferde, eines heißt „Dr. Rainer Klimke“, die ihn aufziehen, können mehr als nur wiehern.

          Gewiehert wird vor allem im Parkett. Denn „Mendy - das Wusical“ ist auch ein Trojanisches Pferd, mit dem Intendant Matthias Hartmann die Spaßkultur seines Vorgängers Leander Haußmann wieder ins Haus läßt. Szenenapplaus donnerte nach zehn Minuten, und als am Ende das „Ich bin ein Mensch“ zu einer „We are the world“ parodierenden Beglückungshymne aufschäumte, standen die Fernsehkameras schon vor der ersten Reihe. Im gestreiften Anzug, mit Sonnenbrille und - von wegen Plateausohlen - barfuß, kredenzte Helge Schneider den Damen des Ensembles Blumen. Ganz Kavalier. Und im soignierten Habitus eines - Klassikers.

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