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Helene Hegemann liest : Dies ist Jugendkulturgebiet

  • -Aktualisiert am

Helene Hegemann Bild: dpa

„Jage zwei Tiger“ heißt das neue Buch von Helene Hegemann. In der ehemaligen katholischen Kirche von Berlin-Kreuzberg, einem Betonbrutalismus von Werner Düttmann, las sie nun erstmals daraus vor.

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          Ob sie jetzt einfach anfangen solle, fragt sie. Und dann liest sie mit leicht kratziger, aber text- und selbstsicherer Stimme den Anfang ihres neuen Romans, jagt die Sätze ins Mikrofon, als müsste sie einen Wettbewerb im Schnelllesen gewinnen. „Langsamer!“, ruft eine Stimme von unten. „Tut mir leid“, sagt Helene Hegemann, „so war ich schon in der Schule. Immer zu schnell und zu hysterisch.“

          Die Szenerie ist eine ehemalige katholische Kirche in Kreuzberg, ein vom Nachkriegskultarchitekten Werner Düttmann entworfener betonbrutalistischer Klotz mit nackten, rauhverputzten Innenwänden, abgehängter Edelholzdecke, geklinkerten Böden. Das Publikum der Lesung entspricht dem einer besseren Volksbühnen-Premiere, Theater- und Medienprominenz mit Kartenkäufern in Pumps und Turnschuhen gemischt.

          Nur die älteren Honoratioren fehlen: Dies ist Jugendkulturgebiet. Entsprechend wird Hegemann auch behandelt, man begrüßt sie mit Juchhe, der Schauspieler Lars Eidinger, der sich mit ihr beim Lesen abwechselt, nörgelt jovial, sie habe ja „die ganzen geilen Stellen“ für sich selbst reserviert, die Moderatorin, eine Redakteurin des „SZ-Magazins“, kumpelt sich an sie heran.

          Im Kulturschickeriamilieu

          Und auch die auf jugendlich getrimmten Vierzig- bis Fünfzigjährigen in dem hohen Kirchensaal, die Glossisten, Galeristen, Kolumnistinnen, Charakter- und Selbstdarstellerinnen, sie alle, spürt man, brauchen ein Genie, das für sie den Dichtermund aufreißt, eine Ingeborg Bachmann für die Facebook-Generation, eine Lasker-Schüler der Google-Ära.

          Helene Hegemann aber, das ist die Krux, will einfach nur Schriftstellerin sein. Von dem Anspruch, Generationenromane zu schreiben, „hab ich mich ja schon öfter distanziert“, sagt sie mit dem Ernst eines Politikers, der an einen Fehltritt erinnert wird. Aber sie wird ihn nicht los. Denn sie ist, was ihre Leser gern wären: jung. „Jage zwei Tiger“ heißt ihr Roman, eine mit Tod und Tragik ausgepolsterte Happy-End-Liebesgeschichte im Zirkus-, Wohngemeinschafts- und Kulturschickeriamilieu. Der dritte Tiger, die Zeit, sitzt ihr im Nacken, an diesem Abend sogar öffentlich.

          Hegemann ist jetzt einundzwanzig, aber für ihre Gemeinde bleibt sie weiter das Wunderkind mit den Mädchenträumen vom wilden Denken und Sichverschwenden. Kunst aber ist eine Form des Erwachsenseins. „Man stirbt nicht so leicht, wenn man jung ist“, lautet der letzte Satz des Buches. Oh doch.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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