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Hélène Cixous’ neues Buch : Die Odyssee zum Tod

Die große Dekonstruktivistin Hélène Cixous Bild: Léa Crespi

Ein Buch, wie es noch nie eines gab: Erschütternd, lustig, traurig, eine Zumutung und ein Glück. Hélène Cixous erzählt in „Meine Homère ist tot . . .“ vom Sterben ihrer Mutter.

          3 Min.

          Wenn die Mutter stirbt, was bleibt der Tochter? Wenn die Beziehung symbiotisch war, stirbt nur die eine oder die andere auch? In Teilen? Und was muss geschehen, damit es nicht so ausgeht? Was verschwindet mit der Mutter bei ihrem Tod, und was bleibt? Bleibt etwas?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Für manche Töchter ist der Tod der Mutter die existentielle Katastrophe, für viele mindestens das existentielle Ereignis schlechthin. Auch für Hélène Cixous, die große französische Dekonstruktivistin, die in Deutschland weniger als Prosaautorin denn als Theoretikerin des Poststrukturalismus und als scharfsinnige Feministin und Weggefährtin von Jacques Derrida bekannt ist. Ihre Beziehung zu ihrer Mutter Eve, die im Januar 2013 mit dem Sterben begann und am 1.Juli jenes Jahres im Alter von 103 Jahren ihren letzten Atemzug tat, war symbiotisch in absoluter Weise. Denn sie umfasste nicht nur die Seelen, das Bewusstsein, selbst die Körper der beiden Frauen, sondern auch ihre Sprache – was bedeutet, dass diese Beziehung in Sprache nicht nur ihren Ausdruck fand, sondern durch Sprache geformt war, als wären es die Wörter, die das existentielle Gewebe spinnen, in dem Mutter und Tochter vereint sind.

          Jedenfalls scheint es in dem Sterbetagebuch und Trauerbuch so, das Hélène Cixous geschrieben hat. Beziehungsweise das ihre Mutter durch ihr Sterben, bei dem die Tochter sie begleitete, vorgab: „Dieses Buch ist bis zur letzten Zeile von meiner Mutter schon geschrieben.“ Das betont Hélène Cixous bereits zu Beginn. Und eine Seite weiter: „Dies ist nicht das Buch, das ich habe schreiben wollen. Ich schreibe es nicht. Es ist meine Mutter, die dieses letzte Jahr (2013) diktiert hat, ohne es zu wollen.“ Der Körper der Mutter, sein Verfall und ihr Bewusstsein davon und die Wörter, mit denen sie diesen Verfall begleitete, und die Laute, die aus den Wörtern wurden, das Wimmern, das Schweigen schließlich – das ist das Material, aus dem dieses Buch besteht.

          Was ist das für eine Lektüre?

          Es ist ein einmaliges, ungeheuerliches Buch. Deshalb trägt es auch keine Genrebezeichnung. Es liegt quer zu allen Kategorien, ist Monument und Abgesang, Erkundung, Bericht, ein Versuch auch darüber, wo Sprache endet. Was teilweise auch lustig ist. Das heißt, dieses Buch sieht auch anders aus als andere Bücher. Aus Endungen werden Kringel. Miniaturzeichen durchsetzen manche Sätze. Es enthält Abbildungen aus den Notizbüchern von Eve, die Hebamme war und ihre Gedanken zur schmerzlosen Geburt während ihrer Ausbildung aufgezeichnet hatte.

          Was ist das für eine Lektüre? Schmerzhaft, wie sonst sollte sie für eine Tochter sein. Aber auch: eine erleuchtende insofern, als es um alles geht, und Hélène Cixous, so scheint es, in all den Jahren ihres Schreibens (ihr erstes Buch erschien 1967, ihr berühmtestes, „Das Lachen der Medusa“, 1975) darauf hingearbeitet hat, für dieses, ihr intimstes und gleichzeitig umfassendstes Buch bereit zu sein. Gewappnet. Innerlich, sprachlich.

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