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Hélène Bessette: „Ist Ihnen nicht kalt“ : Wenn er zu weinen verstünde

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Schlug sich nach der Scheidung von ihrem Mann, einem Pfarrer, als Konversationslehrerin und Diensmagd durch: Die französische Schriftstellerin Hélène Bessette (1918-2000) Bild: Familie Brabant

Ihre Bücher galten als Vorläufer des „Nouveau roman“, doch das hat Hélène Bessette nicht viel genutzt. Erst jetzt wird ihr Werk wiederentdeckt: „Ist Ihnen nicht kalt“ erforscht den Wandel im Verhältnis der Geschlechter.

          3 Min.

          Nein, das mag man sich nicht wirklich lange anhören, diese Suada eines verlassenen Mannes, den die französische Schriftstellerin Hélène Bessette (1918 bis 2000) Briefe aus Paris schreiben lässt, jeden Tag, morgens, wenn es graut, und abends, wenn es dämmert, auch nachts, wenn er vor lauter Leid kein Lichtlein Hoffnung mehr sieht.

          Man liest aber trotzdem weiter, immer weiter, was vor allem an der eruptiven Sprache liegt, die diesen Briefen eigen ist. Sie ist von einer stakkatohaften Rhythmik und theatraler Wucht, die ihresgleichen sucht. Die narzisstische Kränkung hat eine tiefe Wunde gerissen, als Dora, die Frau dieses Pfarrers, in die Schweiz zur Kur reiste, um ein Zeichen zu setzen gegen diese Ehe. Zurückkommen will sie vorerst nicht. Und so redet der Verlassene an sie hin, in abgebrochenen Klagen und Anklagen, in wehmütigen Erinnerungen, in Schüben voller Selbstzweifel, in haltlosen Sitzungen, in welchen er über Dora, über die Ehe im Allgemeinen, über die Ehe mit einem Kirchenvertreter im Besonderen zu Gericht sitzt. Kaum einen Satz schreibt er vollständig aus. Punkte an unmöglichen Stellen nötigen beim Lesen zum gewaltsamen Innehalten.

          Kein Ehemann, keine Seele

          Diese Briefe sind Anrufung, Gestammel, voll von Pathos ebenso wie von kalt analysierender Strenge. Er setzt sie unter Druck, stellt ein Ultimatum, schweigt. Er bemüht im Verkündigungston Versatzstücke seiner Lehre. Und ganz selten lässt er sich hinreißen zu einem Satz, der die eigene Verzweiflung dokumentiert: „Wenn ich zu weinen verstünde.“ Die Antwortzeilen werden uns vorenthalten, und so entsteht diese Dora in Abhängigkeit ihres Mannes allein aus unserer Projektion.

          Aber stärker als etwa Hölderlins Briefe an Diotima, als Andre Gorz’ „Brief an D.“, umkreist Hélène Bessettes Roman nicht nur ein Seelengelände, sondern Rollen. In diesen hoch emotionalisierten, abgerissenen Sätzen verstecken sich krude Argumentationsmuster eines Kirchenmannes, der einen Ruf zu verlieren hat. Auf die Jahre 1960/61 datiert, spiegeln diese Briefe einen Umbruch im Geschlechterverhältnis. Bessette schaut einem neuen Denken auf den Grund. Und so steht man erstarrt angesichts der Logik dieses Mannes, mit welcher er Dora zur Rückkehr überreden will: Wenn-dann Sätze, die unumstößlich wirken, weil sie auf den Grundfesten eines bizarren Glaubens errichtet sind und „Seele“ als einen Wert definieren, aus welchem in natürlicher Reihenfolge resultieren: geistiges Leben, Gott, Kirche, Gemeinschaft, Familie, Ehemann. Im Umkehrschluss heißt das: kein Ehemann, keine Seele. „Deine Verweigerung. Dora bringt ein ganzes Ideal zu Fall.“

          Starkes Wortmaterial ohne Rücksicht auf Struktur

          Punktgenau zeichnet Bessette vor unseren Augen in der Reflexion das Gefängnis dieser Frau, die nicht taugen will als Familienmutter an der Seite des Pfarrers. Der wiederum ist sehr damit beschäftigt, sich selbst als Opfer der Konventionen zu stilisieren: Er zieht bald gegen die „monströse Monogamie“ zu Felde, um schuldfrei und unter Zuhilfenahme einschlägiger Bibelstellen seine Bedürfnisse anderweitig befriedigen zu können - er hat nämlich eine Geliebte. Die damit verbundene Schuldfrage ist ein Leitmotiv dieses Romans.

          Im Soziologischen liegt das aufklärerische Potential einer Prosa, die schamlos hinter die Konventionen schaut, die schreit, zetert, klagt und verstummt. Autoren wie Marguerite Duras, Nathalie Sarraute oder Simone de Beauvoir, übrigens auch die männlichen wie Raymond Queneau oder André Malraux, waren begeistert von diesem Klang, der den „nouveau roman“ ankündigte. Zwölf Romane von Hélène Bessette publizierte Gallimard zwischen den fünfziger und siebziger Jahren - nicht genug für die Schriftstellerin, die sich nach der Scheidung von ihrem Mann, ebenfalls eines Pfarrers, als Konversationslehrerin und Dienstmagd durchschlug, oft am Rande der Armut.

          Jetzt ist zu Recht eine Wiederentdeckung in Gange, in Deutschland dank des Züricher Secession Verlags, der 2010 bereits „Ida oder Das Delirium“ herausbrachte - auch dies eine Frauenfigur, die ihr Fremdsein in der Gesellschaft spürt und sich das Leben nimmt. Jetzt begegnet uns eine Variation dieser Frau auf dem Negativ eines verstörenden Monologs, der sich wie eine Schlinge immer enger um den Monologisierenden selbst legt. Und er klingt keineswegs so altmodisch, wie der vornehme Titel vermuten lässt: „Ist Ihnen nicht kalt“. Das Fragezeichen fehlt. Eindeutige Antworten gibt Hélène Bessette nicht. Aber starkes Wortmaterial ohne Rücksicht auf Struktur.

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