https://www.faz.net/-gqz-83m1h

Heirat Homosexueller : Irlands Zeitsprung

  • -Aktualisiert am

In Irland soll die Heirat von Gleichgeschlechtlichen durch einen Volksentscheid in der Verfassung verankert werden. Persönliche Loyalitäten sind stärker geworden als die Autorität von Kirche und Staat.

          John Charles McQuaid, Erzbischof von Dublin und Primas der römisch-katholischen Kirche von Irland, wird nachgesagt, ein Fernrohr in seinem Landhaus an der Küste installiert gehabt zu haben. Damit soll er nicht etwa den Sternhimmel bestaunt, sondern die badenden Paare am Strand bespitzelt haben. Als enger Freund von Éamon de Valera, dem fromm katholischen Gründervater der irischen Republik, übte der reaktionäre Geistliche maßgeblichen Einfluss auf die irische Verfassung von 1937 aus. Deren Präambel legt fest, dass die weltliche Gewalt ihre Autorität von der Allerheiligsten Dreifaltigkeit beziehe. Die katholische Soziallehre spiegelt sich auch in Artikel 41, der die Familie „als die natürliche und ursprüngliche Grundeinheit der Gesellschaft und als eine moralische Einrichtung mit unveräußerlichen und unverjährbaren Rechten vor und über allen positiven Gesetzen“ anerkennt. Nun soll der Artikel ergänzt werden, um die gleichgeschlechtliche Ehe zu erlauben.

          Noch bis 1993 war Homosexualität in Irland strafbar. Jetzt ist die Republik, die Rückstand durch große Sprünge aufzuholen pflegt, das erste Land, das die Heirat von Gleichgeschlechtlichen durch einen Volksentscheid in der Verfassung verankern will. Es zeugt von der Bedeutung, die der Abstimmung an diesem Freitag beigemessen wird, dass Auslandsiren mobilisiert wurden, in die Heimat zu reisen, um ihr Votum abzugeben. Irische Geistliche haben die üblichen Argumente über die Unterminierung der traditionellen Familie ins Feld geführt. Der Schriftsteller John Banville frotzelte, dass die Neinsager mehr falsche Fährten gelegt hätten, als in einem durchschnittlichen Kriminalroman zu finden seien - als Krimiautor müsse er es wissen. Dennoch zeigt die behutsame Botschaft des Erzbischofs von Dublin, der bekundete, dass die Zeiten, in denen Kirchenleute den Menschen Vorschriften machten, längst vorbei seien, wie sich Irland durch die Missbrauchsskandale in der Kirche und das Versagen des Staates verändert hat.

          Gerade jene in der Verfassung zementierte Bindung an die Familie, die einst den Patriarchalismus der katholischen Kirche förderte, hat jetzt dazu beigetragen, dass die Mehrheit der Iren die gleichgeschlechtliche Ehe befürwortet. Vom Gesundheitsminister Leo Varadkar über die Fernsehjournalistin Ursula Halligan, die sich „geoutet“ haben, bis hin zur ehemaligen Präsidentin Mary McAleese, die ihrem schwulen Sohn zuliebe die Ja-Kampagne unterstützt, hat jeder jemanden im Familienkreis, der von der Verfassungsänderung betroffen sein könnte. Persönliche Loyalitäten sind stärker geworden als die Autorität von Kirche und Staat.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Sie sprengen die Bank

          Serie „Haus des Geldes“ : Sie sprengen die Bank

          „Haus des Geldes“ ist die erfolgreichste nicht-englischsprachige Serie bei Netflix. Das hat seinen Grund. Die Panzerknacker aus Spanien gehen in jeder Hinsicht aufs Ganze.

          Topmeldungen

          Bereits ab 14.00 Uhr könnte die gefühlte Temperatur über 32 Grad liegen, dann herrscht Warnstufe 2. (Archivbild aufgenommen in Berlin)

          Deutscher Wetterdienst : Hitzewarnung für Deutschland

          Der Deutsche Wetterdienst rechnet ab Montag mit ersten Hitzewarnungen. Ab Mittwoch soll dann ganz Deutschland von einer Hitzewelle erfasst werden. Besonders Kinder, alte und kranke Menschen sind durch die hohen Temperaturen gefährdet.
          Als erster auf dem Tourmalet: Thibaut Pinot jubelt über den Etappensieg bei der Tour de France.

          Tour de France : Pinot bezwingt den legendären Berg

          Bei der Fahrt auf den berüchtigten Tourmalet ist Thibaut Pinot am Schnellsten. Zweiter wird ebenfalls ein Franzose, der das Gelbe Trikot behält. Emanuel Buchmann landet nach einer starken Leistung auf Platz vier.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.