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Heinz Strunk und „Die Partei“ : Hamburg darf nicht sterben

  • -Aktualisiert am

Der beste Mann für Hamburg Bild: dpa

Managergehälter sollen auf das 25.000fache eines Arbeiterlohns reduziert und Musicals aus der Stadt verbannt werden, der Spitzenkandidat trinkt Piccolo-Sekt und nimmt Bestechungsgeld an: Mit Heinz Strunk und der „Partei“ im Hamburger Wahlkampf.

          Der Spitzenkandidat schenkt sich nach: noch eine Piccolo-Flasche MM, dieser Sekt mit dem gewissen Extra. Der Mann weiß einfach zu leben. Am linken Handgelenk: eine goldene Uhr, über deren mutmaßlichen Preis hier schon getuschelt wird. Rosa Hemd mit weißem Kragen (also Kontrastkragen, wie bei einem Industriekapitän aus den achtziger Jahren), der Anzug schwarz.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Nicht kleckern - klotzen. Das ist so sein Stil und hebt ihn jedenfalls ab von den übrigen Parteimitgliedern, die sich in ihre grauen Vollnylon-Anzüge (für 49,- Euro bei C&A) gezwängt haben, die aber, wie sich noch herausstellt, auch zu leben, also vor allem zu bechern wissen. Unter den Berichterstattern, die das Lokal Bodega Nagel gegenüber dem Hamburger Hauptbahnhof noch enger machen, ist augenscheinlich niemand auf das Angebot der Partei eingegangen: freier Eintritt für jeden, der auch im grauen Anzug kommt. Aber die Identifikation mit dieser aus dem Umfeld des Satiremagazins „Titanic“ hervorgegangenen Splittergruppe namens „Die Partei“ ist auch so stark genug. Jeder verlässt die Kneipe nachher in dem Bewusstsein, selten so gelacht zu haben.

          Aufgepasst - von Beust ist in der CDU

          Gegen 19 Uhr, eine Stunde vor Beginn dieses mit allen Finessen politischer Demagogie, persönlicher Herabsetzung und hinterhältiger Anbiederei bestrittenen Wahlabends, ist das Lokal an diesem milden Spätjanuarabend schon brechend voll. Die Scheiben sind mit Plakaten beklebt. Eines zeigt den Ersten Bürgermeister: „CDU-Wähler aufgepasst - Ole von Beust ist schwul.“ Parteichef Martin Sonneborn ging auf die erwartbare Reaktion („Schmutz!“) scheinheilig ein und behauptete, man habe „aus der Kritik gelernt“. Die neue Version sieht nun so aus: „Schwule aufgepasst - Ole von Beust ist in der CDU.“ Auch anderes Wahlmaterial ist von verblüffender Evidenz: „Hamburg - Stadt im Norden“, der Spitzenkandidat der Partei steht dafür ein: Heinz Strunk, der letzte auch modisch Unabhängige, der begnadete Buchautor („Fleisch ist mein Gemüse“), Bühnen- und Filmkünstler (zuletzt „Immer nie am Meer“).

          Jederzeit auf der Höhe der Reflexion: Heinz Strunk

          Strunk, der den gar nicht weiten Weg aus seiner Heimat Hamburg-Harburg über die Elbe hierhergefunden hat und es sich schon deswegen leisten kann, gegen die Pendlerpauschale mobil zu machen, sitzt gerade an dem mittigen Kneipentisch und muss sich rechtfertigen. Ob man als halbwegs intelligenter Mensch nicht lieber die Finger von der Politik lassen soll, fragt ein junger, journalistentypisch schwarzgekleideter Mann mit Mikrophon. Das möge so sein, sagt Strunk, er sei nur einer Bitte der „Titanic“-Leute nachgekommen. Auch von weiteren Provokationen lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen und vertraut dabei auf die Wirkung einer neuen, vom umsichtigen Kellner in Griffnähe postierten Flasche MM.

          Anleihen bei der Hitlerei

          Dann wird es ernst. Sonneborn stellt sich auf einen Stuhl und schwört die Menge, die nach Biertrinkerart schon vorgeglüht hat, auf den Abend ein und wischt Zweifel an der Durchschlagskraft mit dem Hinweis auf Adolf Hitler beiseite, der im Münchner Schelling-Salon schließlich auch klein angefangen habe. Und nun, fünfundsiebzig Jahre nach dem Machtantritt, versuche es eben wieder eine „kleine, schmierige“, aber irgendwie auch hochseriöse Partei, die sich die Zwangsrekrutierung von Mitgliedern vorbehalte, zur Not ohne deren Wissen - genau wie damals.

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