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Heinz Berggruen : Bin ich der Nestor unter den Mitarbeitern dieser Zeitung?

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in Berlin-Wilmersdorf, die sich hochtrabend Reform-Real-Gymnasium nannte, studierte ich ein Semester an der Humboldt-Universität Berlin, die damals Friedrich-Wilhelm-Universität hieß. Ich fand die Zeit dort unergiebig und verstand ...

          Mensch, Heini! Nach dem Abitur 1932 an der Goethe-Schule

          in Berlin-Wilmersdorf, die sich hochtrabend Reform-Real-Gymnasium nannte, studierte ich ein Semester an der Humboldt-Universität Berlin, die damals Friedrich-Wilhelm-Universität hieß. Ich fand die Zeit dort unergiebig und verstand es, meine Eltern zu überzeugen, dass es sinnvoller wäre, mich ins Ausland gehen zu lassen, zum Beispiel nach Frankreich. Auf der Schule hatte ich acht Jahre Französisch, das wäre doch eine gute Basis, um bei unseren Nachbarn im Westen ein ernsthaftes Studium zu beginnen. Berlin war nur ein leichter, dünner Vorgeschmack.

          Meine Eltern sagten zu, und so fuhr ich beschwingt nach Grenoble, einer Stadt, von der ich wenig wusste, außer dass die Universität einen guten Ruf hatte. Aber Grenoble war auch keine zufriedenstellende Lösung. Nach drei Monaten schrieb das anscheinend nicht unverwöhnte Einzelkind, das ich war, den Eltern, dass Grenoble zwar ein starkes Kontingent amerikanischer Studenten hatte und ich gute Fortschritte im Englischen machte, aber mit dem Französischen käme ich nicht recht weiter. Ich würde auf eine andere Universität gehen, aber an welche? Vor Paris hatte ich Angst, zu groß, zu weltstädtisch, zu fremd, zu anonym. Ich schaute auf eine Landkarte und entschied arbiträr, Toulouse sollte es sein. Südlich gelegen, angenehmes Klima, sicher wenig Ausländer, vielleicht würde es klappen.

          Es klappte. Ich kam in eine Stadt, in der ich mich wohl fühlte, die mich warmherzig aufnahm, in der ich rasch Bekanntschaften mit französischen Kommilitonen machte. Zwei von diesen wurden Freunde. Der eine hieß Bertram D'Astorg, ein junger Herr mit besten Manieren und von natürlicher Eleganz. Viele Jahre später, nach dem Krieg, als ich für die kurz zuvor gegründete Unesco in Paris arbeitete, begegnete ich ihm wieder, er hatte eine leitende Stellung bei der Air France, war von der gleichen Höflichkeit und Eleganz, die ihn schon als Studenten charakterisiert hatten. Der andere, zu dem ich eine engere Beziehung entwickelte, hieß Paul Jammes. Er war der Sohn des damals sehr geschätzten Dichters Francis Jammes, dessen Roman du Lièvre, "Der Hasenroman", seinerzeit auch im Deutschen bekannt war. Pauls Eltern lebten in Hasparren, einem kleinen Ort in den Pyrenäen, wohin mich Paul manchmal mitnahm, die Atmosphäre dort um seinen Vater, den Patriarchen mit dem schneeweißen Bart, an den späten Matisse erinnernd, war wie in einer Märchenwelt.

          Mit den Studenten hatte ich engen, guten Kontakt. Einmal im Jahr fand an einem religiösen Feiertag in dieser streng katholischen Gegend ein großes Fest statt, es wurde kräftig getrunken, und der traditionelle Höhepunkt war eine Zeremonie, in der man dank freundschaftlicher Beteiligung der lokalen Freudenhäuser unter gewaltigem Gejohle in die Männlichkeit befördert wurde. Das sei eine Art ehernes Gesetz, wurde ich, der Neunzehnjährige, belehrt, und so war es dann auch. Ich war jetzt ein Mann.

          Toulouse war gut zu mir. Ich schaffte es sogar, ohne zu große Anstrengungen eine licence de lettres zu erlangen, was im Deutschen dem Magister Artium entspricht. Das war 1934. Mein Vater kam nach Paris, und wir wollten uns treffen, bevor er zur Erholung an die Nordsee fuhr, an einen Badeort, der Le Touquet Paris-Plage hieß und damals sehr in Mode war. Ich hatte keine Lust, mitzufahren. Ich wollte endlich Paris entdecken, meine Scheu vor der Weltstadt war gewichen.

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