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Heine-Preis : Eiapopeia

Amos Oz hatte in seiner Heimat Israel viele Kämpfe auszufechten Bild: AP

Als Peter Handke vor fast genau zwei Jahren den Heine-Preis der Stadt Düsseldorf erhalten sollte, nahm ein Debakel seinen Lauf, wie es kein deutscher Literaturpreis zu überstehen hatte. Wenn der Preis im Dezember an Amos Oz überreicht wird, können die Stadtväter aufatmen.

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          Eiapopeia, der Schock saß tief. Als vor fast genau zwei Jahren, ausgerechnet zum einhundertfünfzigsten Todestag des Namenspatrons, Peter Handke den Heine-Preis der Stadt Düsseldorf erhalten sollte, nahm ein Debakel seinen Lauf, wie es seit Jahrzehnten kein deutscher Literaturpreis zu überstehen hatte.

          Die Entscheidung für Handke stieß auf Unverständnis, Ablehnung und Empörung, die Jury, die das Malheur angerichtet hatte, zerstritt sich auf kläglichste Weise, die Politik mischte sich ein, und die Stadträte verweigerten den Juroren ihre formal nötige Zustimmung. Schließlich tat Handke das einzig Richtige und lehnte den Preis ab.

          Ein Versöhner musste her

          Aber – eiapopeia, was raschelt im Stroh? – das unwürdige Schauspiel war noch nicht ganz vorüber, da tüftelte man in Düsseldorf schon an einer neuen Satzung. Die Strategie war bald gefunden: Die politischen Gremien der Stadt, die zuvor nur formal verantwortlich waren, bekamen ein entscheidendes Übergewicht in der Jury und mussten nun nur noch einen Kandidaten finden, der vor allem eines zu sein hatte: untadelig, und das in literarischer, politischer und moralischer Hinsicht.

          Ein Versöhner musste her, kein Spalter, kein Umstrittener, sondern ein einmütig Gefeierter, ein Überautor also, am besten Nobel- und Friedenspreisträger zugleich. Aber solche sind selten. Und lag nicht ein winziges Häkchen in der Frage verborgen, warum sich ein Untadeliger, Unangreifbarer bereitfinden sollte, einer derart lädierten Auszeichnung das verspielte Ansehen wieder zu verschaffen?

          „Mutige Klarheit und Entschlossenheit“

          Amos Oz, feste Größe im kleinen Kreis der Nobelpreiskandidaten und Friedenspreisträger des Jahres 1992, ist ein solcher Autor. Niemand kann der Jury widersprechen, wenn sie nicht nur das literarische Werk des Preisträgers würdigt, sondern auch „die mutige Klarheit und Entschlossenheit, mit der er zwischen Israelis und Palästinensern Brücken zu bauen versucht“.

          Und wer diesem Autor Konfliktscheu oder Versöhnlertum vorwerfen wollte, verkennt, dass Amos Oz in seiner Heimat Israel viele Kämpfe auszufechten hatte, weil er immer wieder Verständnis für die palästinensische Seite bewies und forderte. Wenn der Heine-Preis, der 2006 beinah rettungslos beschädigt schien, am 13. Dezember, dem 211. Geburtstag Heines, an Amos Oz überreicht wird, können die Stadtväter aufatmen. Dann sollten sie dem Preisträger danken und, eiapopeia, besser nicht an Heine denken. Wie reimte der noch so schön im „Romanzero“ auf Stroh? Die Mäuschen sind froh.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

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