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Heidelberger Stückemarkt 2021 : Ich kaufe nur, ich träume nichts

Der monotone Beep-Ton des Scan-Geräts: „Have a good day“ gibt den Kassiererinnen Litauens ein Gesicht. Bild: Modestas Endriuska/Simonas Svitra/RugileBarzdziukaite

Vergessene Frauen an der Kasse und ein melancholisches Akkordeon, das die Geschichten zusammenhält: Beim diesjährigen Heidelberger Stückemarkt präsentieren sich die Theater des Gastlands Litauen mit radikalem Sozialrealismus und grotesken Kammerspielen.

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          Im Sekundentakt scannen sie die Lebensmittel. Immer wieder schallt ein schriller Beep-Ton durch den Saal. Der Scanner misst die Arbeitsgeschwindigkeit – von morgens um sieben bis abends um zehn. In ihren Uniformen, den weißen Hemden und den blauen Umhängeschürzen, sitzen sie aneinandergereiht, im Neonlicht, mit starrem Blick. Monoton und repetitiv ertönt ein „Haben Sie einen schönen Tag“ – das Kassenband läuft unaufhörlich weiter. In „Have a good day“, einer musikalischen Theaterperformance von Vaiva Grainyte, Lina Lapelyte and Rugile Barzdžiukaite, wird der Supermarktbesuch zum sozialkritischen Opernhappening. Das Stück setzt sich mit der Realität litauischer Kassiererinnen in Discountsupermärkten auseinander und seziert dabei die gesellschaftlichen Probleme des baltischen Staates.

          In der „Oper für 10 Kassiererinnen“, die beim Heidelberger Stückemarkt, wo Litauen in diesem Jahr Gastland war, deutsche Uraufführung feierte, wird den oftmals vergessenen Frauen ein Gesicht gegeben. Da ist die Mutter, die sich die Flugreise nach England zusammenspart, wo ihr emigrierter Sohn Arbeit gefunden hat, die orientierungslose Kunstgeschichtsstudentin oder die Alleinerziehende, die ihre Tochter während der Arbeitszeit von der Großmutter betreuen lässt. Sie alle stehen beispielhaft für ein soziales Problem in dem Staat, der seit dem Beitritt zur Europäischen Union 2004 zwar wirtschaftlich aufgeholt hat, aber dennoch mit Schrottverträgen auf dem Arbeitsmarkt, Altersarmut und einer starken Emigration der Jugend zu kämpfen hat.

          Es ist ein radikaler Realismus, den die drei Regisseurinnen dieses Abends auf die Bühne tragen – „Ich muss die neuen Arbeitsregeln unterschreiben“, sagt eine der namenlosen Protagonistinnen mit Tränen in den Augen und heruntergezogenen Mundwinkeln, während die andere stoisch anmerkt: „Ich nicke im Bus ein, und das, obwohl ich um 6.30 Uhr fünf Löffel Kaffeepulver geschluckt habe. Das ist ein Siebtel einer ganzen Packung.“ Eine ausgefeilte Montagetechnik verbindet die Kritik an der tristen Konsumlandschaft mit den individuellen Geschichten der Verkäuferinnen. Immer wieder erklingen Ansagen, die auf frisches Obst, Sonderangebote oder neue Produkte hinweisen. Am Ende jeder Szene heißt es „Kaufe ich, kaufe ich, kaufe ich – träume ich nichts“.

          „Open Circle“ arbeitet postdramatisch

          Eine andere Vorstellung von Theater liegt dem Stück „Regenland“ zugrunde, das vom experimentellen „Teatras Atviras Ratas“ aus Vilnius entwickelt wurde und ebenfalls als eines der Gastspiele aus Litauen in Heidelberg gezeigt wird. Acht Schauspieler, in schwarzen Gewändern, mit beigen Hemden oder langen Schürzen, sitzen im Kreis auf alten Akkordeonkoffern und erzählen nacheinander die großen und kleinen Geschichten der litauischen Vergangenheit. Entwickelt wurde die hier angewandte performative Methode 2006 von Schauspielprofessor Aidas Giniotis, der in der Theaterakademie von Vilnius mit einer Gruppe von Schauspielstudenten kollektive Vermittlungsformate zum Zweiten Weltkrieg und der Besatzungszeit erprobte. „Open Circle“, wie sich die Truppe inzwischen nennt, arbeitet postdramatisch.

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