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Heidegger-Konferenz : Ein Kongress der Weißwäscher?

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Boykott mehrerer Autoren

Diese Einsicht geht allerdings auf eine Zeit zurück, da der Holocaust - wie Vichy - in Frankreich noch weitgehend verdrängt war. Erst im Zug der Vergangenheitsbewältigung kam sie ins Bewusstsein der Öffentlichkeit und wurde zum zentralen Thema der Kultur. Parallel dazu keimte wieder der Antisemitismus, der seit zwei Jahrzehnten beängstigende Ausmaße angenommen hat. In dieser ganz anderen intellektuellen Konjunktur erschienen die „Schwarzen Hefte“, die Heidegger, den Nationalsozialisten, nun auch noch als Antisemiten ausweisen.

Von den sechzehn Autoren, die der Kongress untersuchen will, hätten nur drei einen „definierbaren Bezug zum Judentum“, protestiert François Rastier vom CNRS. Er bezichtigt Trawny, dessen Essay „Heidegger et l’Antisémitisme“ (Seuil) im Gegensatz zu den „Schwarzen Heften“ bereits auf Französisch vorliegt, der „herausgeberischen Manipulationen“. Angesichts der Themen und Formulierungen hat man tatsächlich den Eindruck, als gehe es um einen „Kongress der Weißwäscher“. Zumindest darum, den Fall zu verniedlichen, noch bevor die Beweise der Anklage vorliegen.

Sidonie Kellerer teilt Rastiers Kritik an der undifferenzierten und irreführenden Aufzählung sogenannter „jüdischer Denker“: „Der zeitlebens Heidegger-kritische Ernst Cassirer wird in einem Atemzug mit Hannah Arendt genannt, die erheblich zu Heideggers Nachkriegsrehabilitierung beigetragen hat.“ Sidonie Kellerer wird Ende April mit Marion Heinz in Siegen ein Kolloquium veranstalten. Wie Emmanuel Faye und Jeffrey Barash hat sie es abgelehnt, in Paris einen Vortrag zu halten und überhaupt an dieser „unkritischen und tendenziell apologetischen Veranstaltung“ teilzunehmen. Der Boykott ist auch ein Protest gegen François Fédier, „der Nationalsozialismus mit ,socialisme national‘ übersetzt und erklärt, die Gaskammern in Frage zu stellen sei keine Negation des Holocausts“.

Ein Meisterwerk der Scheinheiligkeit?

„Peter Trawny gibt den Unschuldigen, wie auch schon Heidegger selbst“, unterstreicht Georges-Arthur Goldschmidt in seiner Besprechung in der „Quinzaine littéraire“. Wie Heidegger an seiner Statur werkelte, schildert Sidonie Kellerer im „Philosophie Magazin“. Sie spricht von einer subtilen Legendenbildung und verweist auf einen Eintrag in den „Schwarzen Heften“, der frühestens 1959 verfasst werden konnte: „Wie viele weitere Unstimmigkeiten gibt es?“

Für Goldschmidt hat Trawny ein „Meisterwerk der Scheinheiligkeit“ vorgelegt. Dessen Unterscheidung von Hitlers und Heideggers Antisemitismus lässt er nicht gelten. Für beide, so Goldschmidt, verspreche die Ausmerzung „die beste aller Welten“. Trawny will „uns vom Wesentlichen ablenken, der physischen Ausrottung“. In seinem Eifer unterschlage er sogar die Tatsache, dass die „Protokolle der Weisen von Zion“ eine Fälschung der zaristischen Polizei gewesen seien.

„Voller Gehorsam“ hätten sich auch die Übersetzer Trawnys Strategie der Verschleierung unterworfen. Er belegt das mit überzeugenden Beispielen und zeigt, wie man mit zwei oder drei Wortschöpfungen, „wie sie in der Heideggerei ja sehr beliebt sind“, die Ambivalenzen hätte vermeiden können. Goldschmidts Befund: „Heideggers Sein ist sehr wohl antisemitischen Wesens.“ In seiner Pointe spielt er mit einem Sprichwort: „So wie Paris eine Messe ist das ,Denken‘ einen Genozid wert“ - was ursprünglich keineswegs auf den Kongress gemünzt war, an dem auch er nicht teilnimmt.

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