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Hegels Geburtstagsausflug : Nach dem Ende der Kunst

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Die „Sixtinische Madonna“ von Raffael, Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden Bild: Staatliche Kunstsammlungen Dresd

Vom Altar gehoben, hat sie ihm etwas Neues zu sagen: Vor zweihundert Jahren besucht Hegel an seinem fünfzigsten Geburtstag die Sixtinische Madonna. Eine kunsthistorische Einordnung.

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          Am 27. August 1820 feierte Georg Wilhelm Friedrich Hegel seinen fünfzigsten Geburtstag. Er war von Berlin nach Dresden gefahren, um sich die Gemäldegalerie anzusehen. Er wollte nicht nur in der Studierstube über die Kunst nachdenken, sondern ihre ganze Vielfalt in direkter Anschauung kennenlernen. Dabei diente sein Ausflug auch zur Vorbereitung auf das bevorstehende Wintersemester, in dem er, zum ersten Mal in Berlin, eine Vorlesung über die Philosophie der Kunst zu halten gedachte. Sie begann am 26. Oktober 1820, und Hegel hat sie in den folgenden zehn Jahren noch dreimal wiederholt. Er hat, was er vortrug, aber nie in eine schriftliche Form gebracht. Wir kennen nur Mitschriften seiner Studenten. So ist auch seine Theorie über das „Ende der Kunst“ nur aus zweiter Hand überliefert, was ihrer Wirksamkeit jedoch keinen Abbruch tat.

          Hegel verstand die Kunst von vornherein als ein historisches Phänomen. Nach seiner Auffassung ändern sich nicht nur ihre Erscheinungsformen, sondern auch ihre Funktionen und die Bedingungen, unter denen sie wahrgenommen wird. Seiner eigenen Gegenwart bescheinigt Hegel nun aber, sie sei der Kunst nicht mehr „günstig“. Das muss erstaunen, denn während der 1820er Jahre wurde ganz in der Nähe seines Hörsaals an der Berliner Universität ein großes Kunstmuseum erbaut und im August 1830 prunkvoll eröffnet. Kann man da behaupten, mit der Kunst sei es aus und vorbei?

          Vom Kreißsaal bis zum Krematorium

          Wer sich mit Hegels Philosophie auskennt, wird hier sofort einwerfen, es werde darin doch mitnichten prophezeit, dass die Kunst bald ausstirbt. Und zweihundert Jahre später ist sie ja tatsächlich präsenter als je zuvor. Kunstwerke umgeben uns heute vom Kreißsaal bis zum Krematorium. Das ist aber nicht unbedingt ein Zeichen von Vitalität. Vielleicht ist die Kunst nur deshalb allgegenwärtig, weil sie belanglos geworden ist. Das meint auch Hegel, wenn er sagt, die Kunst sei zwar nicht in ihrer faktischen Existenz, wohl aber „nach der Seite ihrer höchsten Bestimmung für uns ein Vergangenes“.

          Die Frage, worin denn die „höchste Bestimmung“ der Kunst besteht, ist indes schwer zu beantworten, denn dabei geht es nicht um Fakten, sondern um normative Überzeugungen. Hegel selbst sorgt hier für Konfusion, indem er die antike griechische Skulptur als ein nie wieder erreichbares Ideal hinstellt: „Schöneres kann nicht sein und werden.“ Den Sinn für Schönheit anzusprechen ist jedoch, wie Hegel selbst betont, keinesfalls die „höchste Bestimmung“ der Kunst. Schön ist auch ein Regenbogen oder eine Rose, und Kant hielt es sogar für ein Zeichen schlechten Geschmacks, Schönheit eher in der Kunst als in der Natur zu suchen. Bei Hegel steht die Kunst, genau umgekehrt, eindeutig über der Natur: nicht, weil sie schön ist, sondern weil sie etwas zu sagen hat.

          Niemand beugte mehr sein Knie

          In früheren Zeiten sagte uns die Kunst sogar, wer wir sind und wie wir in die Welt passen. Eine solche Orientierung kann sie, Hegel zufolge, nicht mehr geben, und das steht, wie man jetzt sieht, auch nicht im Widerspruch dazu, dass man der Kunst überall prächtige Museen errichtete. Das Museum neutralisiert nämlich alle lebenspraktischen Funktionen. Als Hegel an seinem fünfzigsten Geburtstag Raffaels Sixtinische Madonna bewunderte, sah er darin nicht mehr die Altartafel, als die das Bild diente, bis die Benediktiner-Mönche von Piacenza es 1754 an August III. verkauften. Danach beugte, wie Hegel bemerkt, niemand mehr sein Knie davor. Auch Hegel kam nicht, um vor dem Bild zu beten. Er analysierte die pyramidale Komposition und verglich die Darstellung des Christuskindes mit derjenigen van Eycks.

          Der Teilhabe am liturgischen Ritual entzogen, ist das Bild entmachtet. Es dient nur noch der kontemplativen Betrachtung. So wird es zu einem Kunstwerk im modernen Sinne. Diese Verwandlung wurde später von so unterschiedlichen Denkern wie Martin Heidegger und Walter Benjamin ebenfalls am Beispiel der Sixtina erläutert. In Marcel Duchamps Readymades wird die Mutation vom praktisch bedeutsamen Ding zum Museumsstück sogar zur künstlerischen Strategie. Dabei wird zugleich deutlich, dass es nicht nur die alte, sondern auch die neue Kunst ins Museum zieht. Das konnte Hegel noch nicht so deutlich erkennen. Aus seiner Sicht orientiert sich die Kunst, die der traditionellen Verquickung mit Staat und Kirche entronnen ist, zunächst einmal am bürgerlichen Individuum. Der neue Heilige der Kunst ist der „Humanus“, der auf sich selbst gestellte, eigenverantwortliche Mensch. Die Kunst der Moderne wird von autonomen Privatpersonen erzeugt und als Ware in Umlauf gebracht.

          Verzicht auf Zensur

          Gegen die Selbstregulierung des Kunstsystems durch den Markt richtete sich zunächst aber noch die diskursiv legitimierte Planwirtschaft des Museums. Es hat den Anspruch, im universellen Interesse zu handeln, indem es aufgrund von überlegener Sachkenntnis und Urteilskraft dasjenige auswählt, was unabhängig von den vorübergehenden Vorlieben des Marktes ins kulturelle Archiv gehört. Dazu braucht man Kriterien für künstlerische Qualität. Johann Wolfgang von Goethe, der am 28. August 1820, einen Tag nach Hegel, seinen einundsiebzigsten Geburtstag feierte, formulierte dazu eine Bemerkung, die Hegel später als „ein großes Wort“ zitiert: „Der innere Gehalt des bearbeiteten Gegenstandes ist der Anfang und das Ende der Kunst.“

          Das kann zweierlei bedeuten. Entweder ist die Artikulation der inneren Auffassung des Subjekts das eigentliche Ziel der Kunst. Oder sie ist ihr Tod. Faktisch ist sie beides. Gründet sich die Kunst erst einmal auf die Subjektivität der Privatperson, wird diese nicht nur zum Ursprung der neuen Kunst, sondern auch zum Maßstab zur Beurteilung der alten. Am Ende wird uns die Kunst als Ganzes historisch. Sie zeigt nur noch verschiedene Weisen, die Welt zu sehen. Da keiner dieser Sichtweisen irgendeine Superiorität zukommt, verzichtet das Museum zunehmend auf Zensur und Bewertung und bemüht sich nur noch, das gesamte Spektrum des Kunstwollens abzubilden.

          Dieselbe Diversität zelebriert die akademische Disziplin der Kunstgeschichtsschreibung, die sich zu Hegels Lebzeiten allmählich etabliert, so wie das gesamte komplexe System der modernen Kunst, das uns heute so vertraut ist, dass wir uns kaum noch einen Begriff davon machen, wie es vor zweihundert Jahren entstand. Hegel hingegen sah damals schon ganz klar, wohin das alles führt. Das Ende der Kunst – ihre Auflösung als allgemeinverbindliches Objekt – war für ihn ihr letztendliches Ziel.

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