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Hegels Geburtstagsausflug : Nach dem Ende der Kunst

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Der Teilhabe am liturgischen Ritual entzogen, ist das Bild entmachtet. Es dient nur noch der kontemplativen Betrachtung. So wird es zu einem Kunstwerk im modernen Sinne. Diese Verwandlung wurde später von so unterschiedlichen Denkern wie Martin Heidegger und Walter Benjamin ebenfalls am Beispiel der Sixtina erläutert. In Marcel Duchamps Readymades wird die Mutation vom praktisch bedeutsamen Ding zum Museumsstück sogar zur künstlerischen Strategie. Dabei wird zugleich deutlich, dass es nicht nur die alte, sondern auch die neue Kunst ins Museum zieht. Das konnte Hegel noch nicht so deutlich erkennen. Aus seiner Sicht orientiert sich die Kunst, die der traditionellen Verquickung mit Staat und Kirche entronnen ist, zunächst einmal am bürgerlichen Individuum. Der neue Heilige der Kunst ist der „Humanus“, der auf sich selbst gestellte, eigenverantwortliche Mensch. Die Kunst der Moderne wird von autonomen Privatpersonen erzeugt und als Ware in Umlauf gebracht.

Verzicht auf Zensur

Gegen die Selbstregulierung des Kunstsystems durch den Markt richtete sich zunächst aber noch die diskursiv legitimierte Planwirtschaft des Museums. Es hat den Anspruch, im universellen Interesse zu handeln, indem es aufgrund von überlegener Sachkenntnis und Urteilskraft dasjenige auswählt, was unabhängig von den vorübergehenden Vorlieben des Marktes ins kulturelle Archiv gehört. Dazu braucht man Kriterien für künstlerische Qualität. Johann Wolfgang von Goethe, der am 28. August 1820, einen Tag nach Hegel, seinen einundsiebzigsten Geburtstag feierte, formulierte dazu eine Bemerkung, die Hegel später als „ein großes Wort“ zitiert: „Der innere Gehalt des bearbeiteten Gegenstandes ist der Anfang und das Ende der Kunst.“

Das kann zweierlei bedeuten. Entweder ist die Artikulation der inneren Auffassung des Subjekts das eigentliche Ziel der Kunst. Oder sie ist ihr Tod. Faktisch ist sie beides. Gründet sich die Kunst erst einmal auf die Subjektivität der Privatperson, wird diese nicht nur zum Ursprung der neuen Kunst, sondern auch zum Maßstab zur Beurteilung der alten. Am Ende wird uns die Kunst als Ganzes historisch. Sie zeigt nur noch verschiedene Weisen, die Welt zu sehen. Da keiner dieser Sichtweisen irgendeine Superiorität zukommt, verzichtet das Museum zunehmend auf Zensur und Bewertung und bemüht sich nur noch, das gesamte Spektrum des Kunstwollens abzubilden.

Dieselbe Diversität zelebriert die akademische Disziplin der Kunstgeschichtsschreibung, die sich zu Hegels Lebzeiten allmählich etabliert, so wie das gesamte komplexe System der modernen Kunst, das uns heute so vertraut ist, dass wir uns kaum noch einen Begriff davon machen, wie es vor zweihundert Jahren entstand. Hegel hingegen sah damals schon ganz klar, wohin das alles führt. Das Ende der Kunst – ihre Auflösung als allgemeinverbindliches Objekt – war für ihn ihr letztendliches Ziel.

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