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Kontinentale Philosophie : Hegel wohnt hier nicht mehr

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Allegorie der Philosophie am Schillerdenkmal auf dem Berliner Gendarmenmarkt Bild: culture-images/foticon/Sammlun

Wer kontinentale Philosophie studieren will, sollte nach China oder Brasilien gehen. In Deutschland liegt das Erbe des deutschen Idealismus am Boden. Seine gedankliche Wucht versandet im Kleinteiligen.

          6 Min.

          Ein Gespenst geht um an Deutschlands philosophischen Seminaren: das Gespenst eines Weltsiegs der analytischen Philosophie und eines Massenexodus der geschlagenen kontinentalen Philosophie. Wohin zieht sie? Vorwiegend in andere Erdteile: nach Ostasien, Australien, Brasilien oder, ausgerechnet, in die Vereinigten Staaten, von denen der entscheidende Schlag gegen die kontinentaleuropäische Philosophietradition geführt wurde.

          Wer heute das Markenzeichen der deutschsprachigen Philosophie, den deutschen Idealismus (die unmittelbar an Kant anschließende spekulative deutsche Philosophie), studieren will, wird kaum von einer deutschsprachigen Universität durch ihr Lehrangebot, geschweige durch ihre Lehrpläne dazu ermutigt. Ja, ein Student wird ernsthaft überlegen, ob er sein Interesse nicht besser in Sydney, Notre Dame, Georgetown oder Chicago wird befriedigen können. Die Universitäten zumal der Vereinigten Staaten haben eine lange Tradition in der Aufnahme deutscher Philosophen, die sich im geistigpolitischen Klima ihrer Heimat unwohl fühlten oder geradezu verfolgt wurden.

          Freilich: Das Emigrationspersonal hat sich merkwürdig gewandelt. Einst, in den finsteren Zeiten dreier Deutscher Reiche, waren es Vertreter der wissenschaftsförmigen, ,rationalen‘, an Sprachanalyse und Logik orientierten, oft sozialistischen Philosophie, die aus dem deutschen Sprachraum drängten. Im Blick auf die Gründerväter Frege, Russell, Carnap und Wittgenstein nennt man diese Tradition die ,analytische Philosophie‘. Ohne den deutschsprachigen Beitrag wäre die analytische Philosophie nicht geworden, was sie heute ist. Indem man den überwiegend deutsch-österreichischen Export kurzerhand zur ,angelsächsischen‘ Philosophie schlägt, schickt man die ausgewanderten Philosophen ein zweites Mal in die Emigration.

          Phasen fruchtbaren Austauschs

          Aber die Frage lautet anders: Emigriert nun auch der „irrationale“ Rest - die als „Nonsense“-Produzentin geschmähte ,klassische‘ deutsche Philosophie? Das wäre eine merkwürdige Umkehrung der ursprünglichen Verhältnisse! Durch den Exodus der deutschen Sprachanalyse war in den dreißiger Jahren die deutsche Philosophie brutal auf ihren ,kontinentalen‘ Rest geschrumpft: eine dem Nationalsozialismus botmäßige oder ihm jedenfalls nicht laut widersprechende Weltanschauungsphilosophie war zurückgeblieben. Und diese Universitätsphilosophie prägte weiterhin die Landschaft nach der „Stunde null“.

          Es gab, abgesehen von einigen heimgekehrten Emigranten wie Horkheimer und Adorno, zwei Jahrzehnte lang kaum philosophische Lehrer, die nicht Schüler von NS-Philosophen waren oder, wie der charaktervolle Karl Jaspers, erst jetzt und erst recht in die Emigration gingen. Erst gegen Ende der sechziger Jahre, eigentlich erst im Zuge der Studentenrevolte, die mit der deutschen Tradition gründlich aufräumte, kam die analytische Philosophie nach Deutschland zurück. Das war vor allem die Leistung Paul Lorenzens (des Chefs der Erlanger Schule), Ernst Tugendhats und Karl-Otto Apels. Aber auch der größte Kenner des deutschen Idealismus, Dieter Henrich, suchte und schuf das Gespräch mit der angelsächsischen Philosophie, so dass die Ruinen des deutschen Idealismus in ungewohnter Klarheit erstrahlten.

          Aus dieser Kooperation sind bedeutende Einsichten der Philosophie des Geistes hervorgegangen, die in den Staaten ,Philosophy of Mind‘ heißt. Eine Art von Austausch hatte begonnen. Immer noch wird er gesucht, bedeutende Forschungen belegen es. Aber sie knicken mehr und mehr ein vor der Übermacht einer Neuscholastik, die nicht das Gespräch mit der Tradition, sondern deren Ausrottung sucht.

          Im Griff der Neuscholastik

          Ja, es begann in jüngerer Zeit eine neue Scholastik, eher: ein neuer Wolffianismus an Deutschlands Philosophischen Seminaren. So nannte man die Philosophie, die im achtzehnten Jahrhundert im Anschluss an Christian Wolff aus Leibnizens genialen Aperçus eine zusammenhängende, eine systematische „Schulphilosophie“ - eben eine Scholastik - zu errichten versuchte und flächendeckend die deutschen Universitäten beherrschte. Schon damals gab es eine allgemein anerkannte Terminologie, man stritt sich um Tüttelchen von Wortdefinitionen, man spaltete die dünnsten Begriffshärchen; aber man war sich einig im Dissens, weil man die gleichen Verfahren und dieselben Definitionen benutzte.

          Vielfach tönt die Klage, dass es so wieder an vielen unserer philosophischen Seminare aussieht. Der scholastische Trend wird durch die Uniformierung und Verschulung der Studiengänge nach Bologna fast alternativlos. Statt großer Themen, statt Forschungen mit großem Atem ist eine Mikrologie von Argumentanalysen um ihrer selbst willen in die philosophischen Debatten eingezogen, die das Interesse gerade auch der anschlussfähig geglaubten Naturwissenschaftler verspielt, die Philosophie isoliert und das Gros der Studenten abschreckt oder ins Ausland vertreibt. Oft wünschen sich Neurobiologen den interdisziplinären Austausch mit Philosophen. Aber die Philosophie, die ihre Eigenheit aufgegeben hat, entzieht sich diesem Gespräch oder verwandelt es in einen spekulativen Monolog des Neurowissenschaftlers mit sich selbst. ,Neurophilosophie‘ war einst ein Spottname für Lehnstuhl-Philosophen, die sich als Laborwissenschaftler gerieren, nun erscheint er als Lockvögeli in Stellenausschreibungen.

          Zusätzlich ist eine spezifisch deutsche Krähwinkelei zu beklagen. Im englischsprachigen Raum, wo die analytische Philosophie heimisch und dominant geworden ist, ist sie bedeutend geblieben. Der deutsche Ableger lebt nach seinem Aderlass im Dritten Reich von den Brosamen, die vom Tisch des reichen Nachbarn fallen. Dankbar notiert er das Lob der Großen, selbst wird er aber - bedeutende Ausnahmen abgerechnet - in Großbritannien, Australien und den Staaten als eigenständige Fraktion ignoriert oder allenfalls herablassend in Fußnoten erwähnt.

          Mit Recht. Die Alternative, die große klassische deutsche (und europäische) Tradition, wird kaum mehr betrieben oder vielmehr: kaum durch aktualisierende Forschungen weiterentwickelt. Die Folge: Angelsachsen zumal sind immer weniger unter den deutschen Philosophiestudenten und -doktoranden zu finden, denn was sie in Deutschland lernen können, lernen sie besser zu Hause. Noch in den Neunzigern war ihre und die Zahl anderer an der deutschen Tradition Interessierter bedeutend. Philosophische Seminare konnten sich dieses Interesse - auch vor ihren geizenden Finanzverwaltungen - gutschreiben. Kein Wunder, dass gerade der deutsche Idealismus und die ernsthaft betriebene Phänomenologie im (zumal) englischsprachigen Ausland neue Heimstätten gefunden haben.

          Zeitlose Quellen des Fortschritts

          Indes, könnte man sagen: wozu Heulen und Zähneklappern? Sollten wir es nicht begrüßen, dass der „Nonsense“ endlich auch aus Deutschland verbannt wurde? Und wollen wir den Preis mickrigen Spezialistentums nicht freudig dafür entrichten?

          Dafür würde ich leidenschaftlich plädieren, wenn der Nutzen in der Erleuchtung studentischer Köpfe so offenkundig wäre, wie es die Propaganda will. Und was ist das für ein komisches Vorurteil, dass sich Tradition und Fortschritt ausschließen? Die Studiengänge vieler Philosophischer Institute unterscheiden ,systematische Philosophie‘ und ,Geschichte der Philosophie‘. Erstere meint eigentlich: jüngst publizierte Philosophie. Aber was publiziert ist, gehört zur Geschichte und ist so angreifbar wie das Ältere. Manchmal ist das Widerstandspotential des alten Aristoteles immer noch größer als die publizistischen Eintagsfliegen, die nur dem Neuheitsappeal standhalten.

          Es ist eben so: Auch aus der Neubearbeitung alter Quellen fließt Fortschritt an Einsicht - zugegeben: eher in der Philosophie als in der Physik, aber selbst für die Psychologie und die Psychiatrie ist das wahr. Beide lernen tatsächlich gegenwärtig in Exzellenz-Clustern aus romantischen oder phänomenologischen Quellen. Das dichte semantische Potential dieser Klassiker sorgt dafür, dass sich in ihnen immer wieder Neues entdecken lässt. Neues mit Wahrheitsanspruch, nicht, was von der philosophischen Tradition in den Staaten wegen seines „Tiefsinns“ kurzerhand verächtlich der Poesie zugeschlagen und an literaturwissenschaftlichen oder „Critical-Theory“-Departments behandelt wird. Neues, das die Kraft besitzt, auch das Konzert der aktuellsten Analyse noch zu innovieren.

          Aktualität des Ursprünglichen

          Wer glaubt denn ernsthaft, man solle Platon makulieren oder seine Lektüre auf die Passagen beschränken, die in neueren peer-reviewed Journals analytischer Observanz zitiert werden? Auch der deutsche Idealismus und besonders die phänomenologische Tradition waren weder dumpfbackig noch ins Ungefähre verliebt, noch fortschrittsfeindlich. Große Leistungen wissenschaftlicher Prosa und die Schärfung der deutschen Sprache für den Ausdruck feinster begrifflicher Nuancen verdanken wir diesen zwei Bewegungen. Die Wissenschaftsprosa des späten neunzehnten und des frühen zwanzigsten Jahrhunderts wäre ohne sie gar nicht denkbar gewesen. Cantor und Frege, leuchtende Beispiele, publizierten einige ihrer bahnbrechenden Texte in der „Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik“, einem Journal des Spätidealismus, begründet und lange Zeit herausgegeben von Fichtes Sohn Immanuel Hermann.

          Von der „ursprünglichen Einsicht“ dessen Vaters, Johann Gottlieb, urteilte Dieter Henrich 1966, die Philosophie habe sie vergessen, „mehr noch, hat sie niemals zur Kenntnis genommen“. Das wird man auch von Schleiermachers hermeneutischer Grundeinsicht sagen können. Beide aber hatten das Zeug, ganze Theoriemoden, die nur die Aktualität für sich haben, in die Luft zu blasen.

          Viele Analytiker aber glauben fest, alle alten Irrtümer der philosophischen Tradition seien im neuen (wohlgemerkt: analytischen) Schulwissen korrigiert, Fortschritte an Einsichten stillschweigend berücksichtigt. Das ist eine Form des Hegelianismus, der jeden nachhaltigen Gedanken als Meilenstein auf dem Weg zum „absoluten Wissen“ aufhob und mitnahm.

          Soll das unser Leitbild sein? Ist nicht die analytische Philosophie gut beraten, sich in viel stärkerem Maße der Philosophiegeschichte zu besinnen? Nicht aus naseweiser Bescheidwisserei (wie Adorno das nannte), die einem Gedanken, statt seine Wahrheit zu prüfen, einen Vorgänger nachweist. Sondern um zu vermeiden, dass sie das Rad neu erfindet oder uns gar ein weit schlechter rollendes andreht als das alte. Schließlich tut uns die Geschichte nicht überall den Gefallen, in Richtung ,Fortschritt‘ zu verlaufen. Wichtige gedankliche Durchbrüche werden durch falsche Meinungen oder Theoriemoden verdrängt. Dem apokalyptischen Aktualismus derer, die einen Text schon darum für verdächtig halten, weil er älter als fünf Jahre ist, ist Schopenhauers Diktum entgegenzuhalten: „Das Neue ist selten das Gute, weil das Gute nicht lange neu bleibt.“

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