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Kontinentale Philosophie : Hegel wohnt hier nicht mehr

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Dafür würde ich leidenschaftlich plädieren, wenn der Nutzen in der Erleuchtung studentischer Köpfe so offenkundig wäre, wie es die Propaganda will. Und was ist das für ein komisches Vorurteil, dass sich Tradition und Fortschritt ausschließen? Die Studiengänge vieler Philosophischer Institute unterscheiden ,systematische Philosophie‘ und ,Geschichte der Philosophie‘. Erstere meint eigentlich: jüngst publizierte Philosophie. Aber was publiziert ist, gehört zur Geschichte und ist so angreifbar wie das Ältere. Manchmal ist das Widerstandspotential des alten Aristoteles immer noch größer als die publizistischen Eintagsfliegen, die nur dem Neuheitsappeal standhalten.

Es ist eben so: Auch aus der Neubearbeitung alter Quellen fließt Fortschritt an Einsicht - zugegeben: eher in der Philosophie als in der Physik, aber selbst für die Psychologie und die Psychiatrie ist das wahr. Beide lernen tatsächlich gegenwärtig in Exzellenz-Clustern aus romantischen oder phänomenologischen Quellen. Das dichte semantische Potential dieser Klassiker sorgt dafür, dass sich in ihnen immer wieder Neues entdecken lässt. Neues mit Wahrheitsanspruch, nicht, was von der philosophischen Tradition in den Staaten wegen seines „Tiefsinns“ kurzerhand verächtlich der Poesie zugeschlagen und an literaturwissenschaftlichen oder „Critical-Theory“-Departments behandelt wird. Neues, das die Kraft besitzt, auch das Konzert der aktuellsten Analyse noch zu innovieren.

Aktualität des Ursprünglichen

Wer glaubt denn ernsthaft, man solle Platon makulieren oder seine Lektüre auf die Passagen beschränken, die in neueren peer-reviewed Journals analytischer Observanz zitiert werden? Auch der deutsche Idealismus und besonders die phänomenologische Tradition waren weder dumpfbackig noch ins Ungefähre verliebt, noch fortschrittsfeindlich. Große Leistungen wissenschaftlicher Prosa und die Schärfung der deutschen Sprache für den Ausdruck feinster begrifflicher Nuancen verdanken wir diesen zwei Bewegungen. Die Wissenschaftsprosa des späten neunzehnten und des frühen zwanzigsten Jahrhunderts wäre ohne sie gar nicht denkbar gewesen. Cantor und Frege, leuchtende Beispiele, publizierten einige ihrer bahnbrechenden Texte in der „Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik“, einem Journal des Spätidealismus, begründet und lange Zeit herausgegeben von Fichtes Sohn Immanuel Hermann.

Von der „ursprünglichen Einsicht“ dessen Vaters, Johann Gottlieb, urteilte Dieter Henrich 1966, die Philosophie habe sie vergessen, „mehr noch, hat sie niemals zur Kenntnis genommen“. Das wird man auch von Schleiermachers hermeneutischer Grundeinsicht sagen können. Beide aber hatten das Zeug, ganze Theoriemoden, die nur die Aktualität für sich haben, in die Luft zu blasen.

Viele Analytiker aber glauben fest, alle alten Irrtümer der philosophischen Tradition seien im neuen (wohlgemerkt: analytischen) Schulwissen korrigiert, Fortschritte an Einsichten stillschweigend berücksichtigt. Das ist eine Form des Hegelianismus, der jeden nachhaltigen Gedanken als Meilenstein auf dem Weg zum „absoluten Wissen“ aufhob und mitnahm.

Soll das unser Leitbild sein? Ist nicht die analytische Philosophie gut beraten, sich in viel stärkerem Maße der Philosophiegeschichte zu besinnen? Nicht aus naseweiser Bescheidwisserei (wie Adorno das nannte), die einem Gedanken, statt seine Wahrheit zu prüfen, einen Vorgänger nachweist. Sondern um zu vermeiden, dass sie das Rad neu erfindet oder uns gar ein weit schlechter rollendes andreht als das alte. Schließlich tut uns die Geschichte nicht überall den Gefallen, in Richtung ,Fortschritt‘ zu verlaufen. Wichtige gedankliche Durchbrüche werden durch falsche Meinungen oder Theoriemoden verdrängt. Dem apokalyptischen Aktualismus derer, die einen Text schon darum für verdächtig halten, weil er älter als fünf Jahre ist, ist Schopenhauers Diktum entgegenzuhalten: „Das Neue ist selten das Gute, weil das Gute nicht lange neu bleibt.“

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