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Miyazakis neues Trickfilm-Wunderwerk : Das schönste Abschiedsgeschenk

In Miyazakis faszinierenden Bildern trifft Moderne auf Tradition: Zu Jiro Horikoshis Flugversuchen werden die Maschinen von Ochsenkarren gefahren. Bild: Universum

Selbst der große Meister des Trickfilms kann sich seine Kunst nicht mehr leisten. Mit „Wie der Wind sich hebt“ schließt Hayao Miyazaki sein Wunderwerk ab. Er zeigt uns noch einmal, was wir verlieren.

          Es ist eine Seltenheit, dass ein Kunstwerk als Abschied zu Lebzeiten konzipiert ist, zumal wenn der Künstler auf dem Höhepunkt seines Ruhms und seiner schöpferischen Kraft steht. Genau so verhält es sich mit „Wie der Wind sich hebt“, dem jetzt in die deutschen Kinos kommenden neuen Werk von Hayao Miyazaki.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Der japanische Trickfilmer gilt als der legitime Erbe von Walt Disney, weil er mit derselben erzählerischen und technischen Akribie ans Werk geht wie der 1966 gestorbene Amerikaner. Er hat wie Disney aus eigener Kraft ein Studio aufgebaut, und seine Filme haben in Japan alle Besucherrekorde gebrochen, rund um die Welt Erfolg gehabt und die wichtigsten Preise gewonnen. Und doch verkündete Miyazaki im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen von Venedig, dass dies seine letzte Arbeit sein werde.

          Fast vollständige Handarbeit

          Er ist mittlerweile dreiundsiebzig Jahre alt, und jeder eigene Film nimmt eine Produktionszeit von fünf Jahren in Anspruch. Denn Miyazaki lässt immer noch den größten Teil in Handarbeit zeichnen, und das heißt bei einer Laufzeit von diesmal zwei Stunden weit mehr als 150000 Einzelbilder für den fertigen Film, wobei etliche Szenen mehrere Figuren umfassen, die dann auch von mehreren Animatoren ausgeführt werden müssen, weil jeder nur auf eine von ihnen spezialisiert ist.

          Dazu kommen die aufwendig gemalten Hintergründe und diverse Effektzeichnungen (Licht, Objekte), von den Entwurfszeichnungen, deren Zahl die der schließlich benötigten Motive um ein Vielfaches übersteigt, ganz zu schweigen. Klassische Animation ist das arbeitsaufwendigste aller Filmgeschäfte.

          Doch in der Bewahrung dieser ästhetischen Tradition sieht Miyazaki die Voraussetzung für die Qualität seiner Filme. Sehr dosiert nur hat er dem Einsatz von Computern zugestimmt: Bei den Figuren wird gerade einmal die Weiterbearbeitung der fertigen Animationszeichnung digital erledigt, die Hintergründe sind weiterhin vollständig Handarbeit. Einen solchen Einsatz kann sich sein kleines Studio Ghibli aber nicht mehr leisten, und deshalb laufen die dortigen Produktionen, die nicht vom Chef persönlich inszeniert werden, schon lange nach moderneren Methoden ab. Nunmehr hat Miyazaki erkennen müssen, dass auch er selbst sich den Luxus der Klassik nicht mehr gestatten kann. Konsequenterweise hört er auf.

          Fulminante Bilder

          Aber mit was für einem Film! Einem, der seine Animationskarriere krönt. „Kaze tachinu“ heißt er im Original – Der Wind frischt auf –, und dieser Titel entstammt einem Gedicht von Paul Valéry: „Le vent se lève! .... Il faut tenter de vivre!“ (Der Wind frischt auf! Nun heißt es leben wagen!). So lautet die erste Zeile der Schlussstrophe aus „Le Cimetière marin“ (Der Meeresfriedhof) aus dem Jahr 1920.

          Kaum erschienen, findet dieses Gedicht in Japan schon zwei eifrige Leser: Jiro Horikoshi und Naoko Satomi. Der eine ist ein zwanzigjähriger Student auf dem Weg zu seiner technischen Hochschule, die andere noch ein Mädchen, das in Begleitung einer Kinderfrau nach Hause fährt. Im Zug liest Jiro Valérys Poem, und als Naoko das sieht, sagt sie ihm die magische Zeile auf. Dann frischt der Wind tatsächlich auf, und in einem fulminanten Bild aus der Vogelperspektive scheint das Land heftig ein- und wieder auszuatmen: ein Erdbeben, das entsetzliche Kanto-Erdbeben von 1923. Wenig später steht Tokio in Flammen, aber Jiro und Naoko sind voneinander fasziniert.

          Entpolitisierter Protagonist

          Doch erst Jahre später werden sie zueinanderfinden, denn zunächst einmal folgt Miyazakis Film der Ausbildung und den frühen beruflichen Schritten von Jiro. Er wird Flugzeugkonstrukteur, ein Kindheitstraum, der auch den Auftakt zu „Wie der Wind sich hebt“ bildet: fast fünf wortlose, schwelgerische Minuten, in denen der Knabe Jiro sich selbst in eine Maschine träumt, die mit klappernden Ventilen und stotternden Zylindern durch einen endlosen Himmel fliegt, bis sich hinter einer Wolke ein Schwarm von seltsamen Flugobjekten hervorschiebt, die sich als Bomben erweisen – Vorgriff auf den Albtraum, der sich aus der Fliegerei für Japan im Zweiten Weltkrieg entwickeln wird.

          Miyazaki hat für diesen Film Kritik von der einheimischen Linken wie Rechten einstecken müssen, denn sein Protagonist ist eine historische Figur: Jiro Horikoshi (1903 bis 1982), als Flugzeugpionier eine japanische Legende, das dortige Äquivalent zum Grafen Zeppelin. Auf Horikoshis Konstruktionen beruhte das Zero-Jagdflugzeug, mit dem die Japaner von 1941 an den Pazifik-Krieg führten.

          Miyazaki musste sich deshalb vorhalten lassen, mit Horikoshi einen Helden der Nationalisten zu porträtieren, doch die Rechte wiederum empfand die Darstellung als zu pazifistisch. Miyazaki erkennt in Horikoshi aber vor allem ein Alter Ego, das seine Träume mit höchstem Aufwand und in Gemeinschaftsarbeit umzusetzen wusste – wie im Trickfilm so beim Flugzeugbau.

          Voller dunkler Anspielungen und Elemente

          Durch die dunkle Vision des Auftakts ist das Abgründige im Werk des Überfliegers sofort präsent, gerade auch bei einem Besuch Jiros in den Junkers-Flugzeugwerken in Dessau oder bei dessen Treffen mit einem Deutschen in einem abgeschiedenen japanischen Hotel, den Jiro um der gemeinsamen Verehrung für Thomas Manns „Zauberberg“ willen Castorp nennt. Er ist jedoch nach dem Vorbild von Richard Sorge gestaltet, dem deutschen Botschaftsmitarbeiter in Tokio, der Hitlers Angriffspläne auf die Sowjetunion verriet. Ein Blinder, der solche Zeichen übersieht und Miyazaki Kriegsverharmlosung vorwirft. Er erlebte selbst als Kleinkind die brennenden Städte.

          Und doch ist es zeitweise möglich, all diese dunklen Elemente über den strahlenden Firmamenten zu vergessen, die der Film bietet, und in ihm eine pure Apotheose des Fliegens zu sehen. Zumal diese Sehnsucht in Miyazakis Werk immer präsent war: vom ersten großen Erfolg, „Nausicaa aus dem Tal der Winde“ (1984), über das Meisterwerk „Mein Nachbar Totoro“ (1988) zu den reinen Flug- und Fliegerfilmen „Kikis kleiner Lieferservice“ (1989) und „Porco Rosso“ (1992) bis zum Oscar- und Berlinale-Gewinner „Chihiros Reise ins Zauberland“ (2001). Nur waren das alles Phantasiegeschichten.

          Der größte aller Träumer

          In „Wie der Wind sich hebt“ ist das einzig Phantastische die Suggestivkraft der Bilder. Etwa in der ruhigen Einstellung eines Ochsenkarrens, der die Prototypen im Morgengrauen aufs Flugfeld schleppt. Und eine Szene wie das Erdbeben hat man im Trickfilm noch gar nicht gesehen.

          Natürlich denkt man sofort an die Katastrophe von Fukushima, obwohl Miyazaki einen Tsunami schon zuvor, nämlich 2008 in seinem vorletzten Film, „Ponyo“, zum Thema gemacht hatte. Er ist der sensibelste Filmemacher seines Landes, ein Überzeugungstäter, der für den Respekt des Menschen vor der Natur eintritt, ohne dabei technophob zu sein.

          Im Gegenteil: Es ist Miyazakis eigene Begeisterung für die Fliegerei, die diesen Film zum konsequenten Abschluss seines Werks macht. Das auch seine Faszination für sentimentale Liebesgeschichten auf einen neuen Höhepunkt führt, denn Naoko erkrankt an Tuberkulose und opfert sich für das berufliche Wohl von Jiro auf. Doch dieses Rührstück der zweiten Filmhälfte ist so hinreißend in Bilder gesetzt, dass man nach zwei Stunden, wenn der Krieg missbraucht, was Jiro gebaut hat, und Naoko stirbt, wie unter Schock steht, ehe Miyazaki das Leben doch noch zu einem Triumph führt. Zumindest das Leben der Träumer. Er muss es wissen, er ist selbst der größte.

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