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Miyazakis neues Trickfilm-Wunderwerk : Das schönste Abschiedsgeschenk

Entpolitisierter Protagonist

Doch erst Jahre später werden sie zueinanderfinden, denn zunächst einmal folgt Miyazakis Film der Ausbildung und den frühen beruflichen Schritten von Jiro. Er wird Flugzeugkonstrukteur, ein Kindheitstraum, der auch den Auftakt zu „Wie der Wind sich hebt“ bildet: fast fünf wortlose, schwelgerische Minuten, in denen der Knabe Jiro sich selbst in eine Maschine träumt, die mit klappernden Ventilen und stotternden Zylindern durch einen endlosen Himmel fliegt, bis sich hinter einer Wolke ein Schwarm von seltsamen Flugobjekten hervorschiebt, die sich als Bomben erweisen – Vorgriff auf den Albtraum, der sich aus der Fliegerei für Japan im Zweiten Weltkrieg entwickeln wird.

Miyazaki hat für diesen Film Kritik von der einheimischen Linken wie Rechten einstecken müssen, denn sein Protagonist ist eine historische Figur: Jiro Horikoshi (1903 bis 1982), als Flugzeugpionier eine japanische Legende, das dortige Äquivalent zum Grafen Zeppelin. Auf Horikoshis Konstruktionen beruhte das Zero-Jagdflugzeug, mit dem die Japaner von 1941 an den Pazifik-Krieg führten.

Miyazaki musste sich deshalb vorhalten lassen, mit Horikoshi einen Helden der Nationalisten zu porträtieren, doch die Rechte wiederum empfand die Darstellung als zu pazifistisch. Miyazaki erkennt in Horikoshi aber vor allem ein Alter Ego, das seine Träume mit höchstem Aufwand und in Gemeinschaftsarbeit umzusetzen wusste – wie im Trickfilm so beim Flugzeugbau.

Voller dunkler Anspielungen und Elemente

Durch die dunkle Vision des Auftakts ist das Abgründige im Werk des Überfliegers sofort präsent, gerade auch bei einem Besuch Jiros in den Junkers-Flugzeugwerken in Dessau oder bei dessen Treffen mit einem Deutschen in einem abgeschiedenen japanischen Hotel, den Jiro um der gemeinsamen Verehrung für Thomas Manns „Zauberberg“ willen Castorp nennt. Er ist jedoch nach dem Vorbild von Richard Sorge gestaltet, dem deutschen Botschaftsmitarbeiter in Tokio, der Hitlers Angriffspläne auf die Sowjetunion verriet. Ein Blinder, der solche Zeichen übersieht und Miyazaki Kriegsverharmlosung vorwirft. Er erlebte selbst als Kleinkind die brennenden Städte.

Und doch ist es zeitweise möglich, all diese dunklen Elemente über den strahlenden Firmamenten zu vergessen, die der Film bietet, und in ihm eine pure Apotheose des Fliegens zu sehen. Zumal diese Sehnsucht in Miyazakis Werk immer präsent war: vom ersten großen Erfolg, „Nausicaa aus dem Tal der Winde“ (1984), über das Meisterwerk „Mein Nachbar Totoro“ (1988) zu den reinen Flug- und Fliegerfilmen „Kikis kleiner Lieferservice“ (1989) und „Porco Rosso“ (1992) bis zum Oscar- und Berlinale-Gewinner „Chihiros Reise ins Zauberland“ (2001). Nur waren das alles Phantasiegeschichten.

Der größte aller Träumer

In „Wie der Wind sich hebt“ ist das einzig Phantastische die Suggestivkraft der Bilder. Etwa in der ruhigen Einstellung eines Ochsenkarrens, der die Prototypen im Morgengrauen aufs Flugfeld schleppt. Und eine Szene wie das Erdbeben hat man im Trickfilm noch gar nicht gesehen.

Natürlich denkt man sofort an die Katastrophe von Fukushima, obwohl Miyazaki einen Tsunami schon zuvor, nämlich 2008 in seinem vorletzten Film, „Ponyo“, zum Thema gemacht hatte. Er ist der sensibelste Filmemacher seines Landes, ein Überzeugungstäter, der für den Respekt des Menschen vor der Natur eintritt, ohne dabei technophob zu sein.

Im Gegenteil: Es ist Miyazakis eigene Begeisterung für die Fliegerei, die diesen Film zum konsequenten Abschluss seines Werks macht. Das auch seine Faszination für sentimentale Liebesgeschichten auf einen neuen Höhepunkt führt, denn Naoko erkrankt an Tuberkulose und opfert sich für das berufliche Wohl von Jiro auf. Doch dieses Rührstück der zweiten Filmhälfte ist so hinreißend in Bilder gesetzt, dass man nach zwei Stunden, wenn der Krieg missbraucht, was Jiro gebaut hat, und Naoko stirbt, wie unter Schock steht, ehe Miyazaki das Leben doch noch zu einem Triumph führt. Zumindest das Leben der Träumer. Er muss es wissen, er ist selbst der größte.

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