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Nach jahrelangem Hin und Her : Zankapfel „Haus der Geschichte Österreich“ eröffnet

Im Zentrum der Dauerausstellung: das „Waldheim-Pferd“ von 1986 Bild: dpa

Das „Haus der Geschichte Österreich“ ist fertig. Doch nach einem jahrzehntelangen Streit zwischen SPÖ und ÖVP ist die Ausstellung deutlich kleiner als ursprünglich geplant. Das hat die Direktorin zu einem selbstironischen Würfelspiel veranlasst.

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          In Wien ist das „Haus der Geschichte Österreich“ feierlich eröffnet worden. Gerade noch rechtzeitig zum Jubiläum der hundertjährigen Republik am heutigen 12. November wurde es fertig. Dabei war das Projekt schon alt, die Diskussion darüber lässt sich in Jahrzehnten messen.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Aber „diskutiert“ heißt in der herkömmlichen Gemengelage österreichischer Politik: Es wurde daran gezerrt von den einander in jahrzehntelanger Hassliebe verbundenen großkoalitionären Parteien SPÖ und ÖVP, ohne dass Konkretes voranging. Erst im Jahr vor der geplanten Eröffnung konnte mit den eigentlichen Arbeiten an der Ausstellung begonnen werden.

          Zumeist ist es im abgelaufenen Jahrzehnt die „schwarze Reichshälfte“ gewesen, die Sand ins Getriebe gestreut hat. Denn sie argwöhnte nicht ohne Grund, dass das Projekt unter den sozialdemokratischen Bundeskanzlern auf etwas zielte, was man als „Haus der roten Geschichte“ bezeichnen könnte. Im Revolutionsjahr 1848 hätte nach einem zwischenzeitlichen Konzept die Geschichte Österreichs beginnen sollen. Nunmehr hat man sich ganz auf die Zeit nach der Monarchie konzentriert.

          Halbe Etage statt komplettem Haus

          Budget und Fläche für das Projekt wurden auch immer kleiner, von einem Neubau wurde Abstand genommen. Ironischerweise dürfen jetzt Repräsentanten der neuen ÖVP-Regierungsspitze sozusagen das rote Band durchschneiden. Sie haben kürzlich als neueste Wendung verkündet: Das Museum soll künftig dem Parlament zugeordnet werden.

          Vorerst hat die Ausstellung einen Platz im Zwischengeschoss der Neuen Hofburg erhalten, das ist der unter Kaiser Franz Joseph gebaute Flügel, der den Heldenplatz abschließt. Die Fläche teilt sie sich mit dem „Ephesos-Museum“, wo Ausgrabungsfunde österreichischer Archäologen bestaunt werden können. Und für die „Haus der Geschichte“-Hälfte ist ein wesentlicher Teil des Budgets von immerhin zehn Millionen Euro dafür verwendet worden, den Boden statisch so zu ertüchtigen, dass man dort auch einen massiven Steinfries aufstellen könnte. Man lässt sich also Optionen offen. Derzeit handelt es sich genau genommen nicht um ein Haus der Geschichte Österreichs, sondern um eine halbe Etage der Geschichte der vergangenen hundert Jahre Österreichs. Die ist aber auch interessant.

          Monika Sommer, die Direktorin des Bundesmuseums „Haus der Geschichte“, spricht auf einer Pressekonferenz anlässlich der Eröffnung des Museums.
          Monika Sommer, die Direktorin des Bundesmuseums „Haus der Geschichte“, spricht auf einer Pressekonferenz anlässlich der Eröffnung des Museums. : Bild: dpa

          Dass das dem Besucher vermittelt wird, ist unter diesen Rahmenbedingungen keine geringe Leistung der Direktorin Monika Sommer und ihres nicht allzu umfangreichen Teams. Sie haben die Möglichkeit genutzt, die das historische Gebäude bietet, um den Bau sozusagen zum Teil der Ausstellung zu machen. Man steigt also die Prachtstiege hinauf, durchfliegt hier sozusagen die imperiale Vergangenheit und tritt dann, wenn man sich nicht doch nach Ephesos verirrt, an einer männlichen Bronzestatue vorbei ein ins Chaos des österreichischen Umsturzes von 1918.

          Das ist wirklich feinsinnig gemacht: In einen Saal von Stuck und Marmor hineingestellt, verteilen sich da wie wahllos Vitrinen, Projektionsleinwände und Schautafeln auf Baugerüsten mit Rollen. So wie die österreichische Republik unfertig, ungefestigt und auch etwas unversehens in und mit den Strukturen des verlorengegangenen Reiches gegründet wurde.

          Wein ersetzt Staatsgeschäfte

          Beherrschend ist eine Installation mit zwei Filmaufnahmen vom 12. November 1918, als die politisch bereits faktisch vollzogene Gründung der Republik Deutschösterreich in großer Inszenierung vom Parlament aus proklamiert wurde. Die Filme sind aus entgegengesetzten Perspektiven aufgenommen. Der eine zeigt die Sicht von oben auf die zusammengeströmten Massen, auf dem anderen sind die chaotischen Szenen zu sehen, als die Roten Garden die Rampe stürmten, die rot-weiß-rote Fahne zerschnitten und neu zusammenknüpften, so dass es nur mehr eine rote Fahne war.

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