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Nach jahrelangem Hin und Her : Zankapfel „Haus der Geschichte Österreich“ eröffnet

In diesem Raum des Übergangs, der die Entwicklung der und zur Demokratie zum Thema hat, sind ein paar Trouvaillen zu sehen, zum Beispiel ein Behang der Kaiserloge im Parlament. Franz Joseph hat dort selbst nie Platz genommen, Kaiser Karl ebenso wenig, aber weggeworfen wurde das teppichartige Stück nach der Ausrufung der Republik nicht, sondern in einen Schrank gestopft. Als im vergangenen Jahr das neoklassizistische Parlamentsgebäude für eine umfangreiche Sanierung geschlossen wurde, fand man es wieder.

Der Eingangsbereich zum Haus der Geschichte.

Kurios erscheint ein gedrucktes Inventarbuch mit den Dingen, die man in Schloss Eckartsau aufgefunden hat, wo Karl I. nach seinem Verzicht auf „jeden Anteil an den Staatsgeschäften“ (aber nicht auf den Thron) noch ein paar Monate wohnen durfte. Es ist aufgeschlagen auf der Seite, die beträchtliche Weinvorräte auflistet, die ausschenken zu lassen dem zurückgezogen und selbst eher asketisch lebenden Kaiser die geeigneten Gelegenheiten gefehlt hatten.

Holzpferd mit SA-Kappe erhitzt Wiener Zirkel

Es schließt sich eine langgestreckte Flucht mit dem Hauptteil der Ausstellung an, wo dann der Flair der Hofburg konsequent mit glatten Wänden und einem Flughafenfußboden verkleidet wurde. Hier kann man sich von einem Themencluster zum nächsten schieben. Dort geht es um Wirtschaft, hier um Grenzen, da um das Selbstbild Österreichs – ein in vieler Hinsicht komplexes Thema, das allein eine Ausstellung rechtfertigen würde.

Alles aber wird durchdrungen und beherrscht durch die Thematik des Nationalsozialismus. Beherrscht, das kann man buchstäblich verstehen: Das physisch größte Stück der Ausstellung, das die Stellwände überragt und von überall her zu sehen ist, ein Holzpferd mit SA-Kappe, wurde 1986 anlässlich der Wahl von Kurt Waldheim zum österreichischen Bundespräsidenten auf dem Wiener Stephansplatz aufgestellt und reiste zeitweise als „Trojanisches Pferd“ mit dem Staatsoberhaupt, wenn Waldheim irgendwo öffentlich auftrat.

Ob diese optische Fixierung angemessen ist, darüber wird in Wiener Zirkeln und Blättern lebhaft diskutiert. Es täte den österreichischen Republiken, der ersten wie der zweiten, unrecht, wenn sie ausschließlich auf den Nationalsozialismus hin beziehungsweise vom Nationalsozialismus her betrachtet würden. So wie es Kurt Waldheim unrecht tut, dass er ausschließlich unter diesem Aspekt in Erinnerung ist. Er war ein Mitläufer, aber kein herausgehobener Nazi. Zu sehen ist das derzeit übrigens auch in einem Film („Waldheims Walzer“), der sich erstaunlich lang in hiesigen Programmkinos hält.

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Entstehungsgeschichte des Hauses als Abbild des rot-schwarzen Antagonismus

Gestritten wird natürlich auch über die Einordnung der Zeit zwischen 1934 und 1938: Hinführung zur Nazi-Diktatur durch Ausschaltung der Demokratie oder Nazi-Antagonismus unter Ausschaltung der Demokratie? Die Ausstellungsmacher haben gut daran getan, die Begriffe, die diesen Streit illustrieren („Austrofaschismus“, „Ständestaat“, „Kanzlerdiktatur“ etc.), in einer Installation selbst zu thematisieren. Auch dieser Begriffsstreit würde sich trefflich dazu eignen, die merkwürdige Gleichzeitigkeit von Partnerschaft und Ablehnung der roten und schwarzen „Reichshälften“ in der zweiten Republik darzustellen.

Die bleibt in der Ausstellung eher zwischen den Zeilen stecken. Dabei hätte das „Haus der Geschichte“ die Möglichkeit, das aus erster Hand zu thematisieren. Es müsste nur die eigene Entstehungsgeschichte darstellen, so wie in einem wunderbar selbstironischen Würfelspiel, das sich Monika Sommer ausgedacht hat. Es heißt „Haus der Geschichte Marathon“, sieht aber eher aus wie eine Achterbahn.

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