https://www.faz.net/-gqz-pwjg

Hauptstadtkultur : Honeckers Geist im Palast der Republik

September 2004: Mit dem Schlauchboot durch den gefluteten Palast Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

250.000 Euro gewährt Berlin den Sommerfestspielen im Palast der Republik. Geplant ist unter anderem ein „Installations-Parcours“, der das Palastleben von einst nachstellen soll: eine kleine, heile DDR-Welt.

          3 Min.

          Bedeutsam, innovativ, szenenah: mit diesen Attributen versehene Projekte dürfen auf Geld aus dem Hauptstadtkulturfonds hoffen. So verkündet vor wenigen Monaten von der Jury in Abwehr verschiedener Bedenken.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Die hatten Abgeordnete und der Bundesrechnungshof immer wieder geäußert, weil sie fanden, das viele Steuergeld, das der Fonds Jahr um Jahr zu verteilen hat, werde mit allzu leichter Hand ausgegeben. Auch wurde die Buchführung kritisiert, die wenig Transparenz und noch weniger Kontrollmöglichkeiten erkennen lasse.

          Besonders verärgert war man über teure Palastfestspiele auf dem Schloßplatz zu Berlin (siehe auch: Bildergalerie: Der Palast der Republik), in denen viele die Absicht zu erkennen glaubten, eine Allianz aus selbsternannten Avantgardisten, dem Berliner Kultursenator Flierl, säumigen Beamten und Nostalgikern versuche den Abriß der Ruine zu hintertreiben und einen Bundestagsbeschluß zu konterkarieren - den Beschluß zur Wiedererrichtung des Stadtschlosses.

          Noch einmal nachgefragt

          Genau das nicht zu wollen, schworen alle darin Verstrickten immer wieder. Daß noch einmal jemand nachfragen könnte, scheint jedoch nicht erwartet worden zu sein. Und so wurde nun in aller Stille ein Großprojekt des Hauptstadtkulturfonds, das wegen Querelen um Mietkosten und Abrißtermine in dieses Jahr vertagt worden war, die vorgeblich letztmalige Bespielung der Palastruine in diesem Sommer, vom Prüfausschuß des Fonds durchgewunken.

          Ein dürrer Zweizeiler informiert die Öffentlichkeit, daß die Initiative „Volkspalast“, getragen von den Sophiensälen und dem Theater Hebbel am Ufer - beide mit Dauerabonnement für Hauptstadtkulturgelder - 250.000 Euro für zwei Monate bekommt. Wofür das ausgegeben wird, steht in den Sternen, vielleicht auch in den Auftragsbüchern der beiden freien Kunstvereine.

          Nicht auskunftsfähig

          Die Kulturstaatsministerin, aus deren Etat der Kulturbeutel alljährlich mit über zehn Millionen Euro gefüllt wird und die jetzt in einer Fragestunde des Bundestages dazu angehört wurde, vermochte nichts Aufklärendes beizutragen. Auch das Büro des Hauptstadtkulturfonds ist nicht auskunftsfähig, auf der Website der Gewinner steht nichts, was den Nebel lichten könnte. Ein Blankoscheck gewissermaßen, wir dürfen gespannt sein. Die Abgeordneten der FDP- und CDU-Fraktionen im Bundestag, aber auch die im Berliner Abgeordnetenhaus staunten nicht schlecht. Die Berliner FDP versucht jetzt, mit einer parlamentarischen Anfrage Licht in das kunstvolle Dunkel zu bringen.

          Für Irritiation sorgte auch das zweite große Palastsommerprojekt. Zu Jahresende war bekanntgeworden, daß die Jury eine kritische Ausstellung zur politischen Kulturgeschichte des „Palastes der Republik“ und des Schloßplatzes abgelehnt hatte, weil die den Platz für andere frohe Spiele zu blockieren drohte und einer nicht näher begründeten „ideologischen Ausrichtung“ wegen die Nostalgiker brüskiert hätte.

          Viel Raum für die Lustspiele

          Das ausführliche Konzept dazu stammte von dem Architekturhistoriker Jörn Düwel, betreut vom Deutschen Historischen Museum. Jetzt wird das Berliner Stadtmuseum einspringen und für 300.000 Euro eine schlanke, wenig Raum verbrauchende Ausstellung zusammenzimmern, über deren Inhalte spekuliert werden darf. Jedenfalls läßt sie in ihrer Mitte viel Raum für die Lustspiele der Kulturförderer.

          Damit es ein bißchen besser klingt, wurde dem Antrag das Versprechen beigelegt, die Bundeszentrale für politische Bildung mit ins Boot zu holen. In der Verkündigung der Genehmigung war es bereits ein Gemeinschaftsprojekt, nur ist darüber in der Bundeszentrale nichts bekannt. Sie wird sich nicht beteiligen, sagte ihr Präsident Thomas Krüger, sie sei auch gar nicht gefragt worden.

          Allerlei Ungereimtheiten

          Auch das, so versprach es Kulturministerin Weiss jetzt im Bundestag, werde überprüft. Und dann? Frau Weiss deutete an, der Blankoscheck könnte storniert werden, sollte ein „ausgearbeitetes“ Konzept gewisse Mängel erkennen lassen. Daß es laut Statut des Kulturfonds Geld erst gibt, wenn die Geldgeber wissen, wofür, schien sie nicht zu stören. Die Parlamentarier meinen jedoch, allerlei Ungereimtheiten und Peinlichkeiten schon jetzt erkennen zu können. Welche neue Erkenntnis wird der Besucher dieser Ausstellung mit nach Hause nehmen, fragten sie immer wieder.

          Er soll laut Antrag einen „Installations-Parcours“ besichtigen, mit Teppichstücken, die früher einmal den Boden des Kulturhauses bedeckten, mit Fässern, die die Asbestsanierung symbolisieren sollen, mit Bildprojektionen, die noch einmal - Thema „Privates Glück“ - einen Blick in die entschwundenen Eis- und Espresso-Cafes gestatten.

          Die kleine DDR-Welt

          Dort, wo Mutti und Vati, als sie noch jung waren und die kleine DDR-Welt in bester Ordnung schien, saßen und es sich so richtig wohl sein ließen. An die Ruinenwände werden die Gemälde - „Auftragskunst“ - projiziert, und an der Wand, vor der einmal die Volkskammer der DDR volksfern entschied, soll das Staatsemblem lehnen, daneben die Ruhecouch „Tarantella“ aus Honeckers Büro - Thema „Autokratische Herrschaft“.

          Als „Höhepunkt“ kündigt das Stadtmuseum das „Palast-Mobile“ an, eine Art Weihnachtsbaum mit allerlei Sperrmüll der Geschichte, durch welchen sodann „der Atem der Geschichte leicht“ weht. Den Atem hatte es einigen Bundestagsabgeordneten verschlagen, als sie die kulturgeschichtspolitische Begründung lasen: Einerseits solle die Wandschau die Geschichte des Palastes wiedergeben, andererseits „wesentliche Merkmale des multifunktionalen Gebäudes als gelungene Verbindung von öffentlichem Kulturanspruch und privater Aneignung deutlich werden lassen“. Genau, würde Erich Honecker begeistert sagen. So haben wir das gemeint.

          Weitere Themen

          Emanzipation im 19. Jahrhundert Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Little Women“ : Emanzipation im 19. Jahrhundert

          Louisa May Alcotts Roman „Little Women“ wurde schon einige Male verfilmt. Jetzt kommt Greta Gerwigs Umsetzung des alten Stoffes in die Kinos. Ursula Scheer verrät, was diese Verfilmungen von ihren Vorgängern unterscheidet.

          Topmeldungen

          Untersuchungen zum Coronavirus an der Charité Berlin Mitte

          Coronavirus : Drei weitere Infizierte in Bayern

          Bei drei weiteren Menschen in Bayern wird das Coronavirus nachgewiesen. Wie der erste deutsche Patient sind sie Mitarbeiter der Firma Webasto aus Starnberg, teilt das bayerische Gesundheitsministerium mit. Das Unternehmen schließt vorübergehend seine Zentrale.
          Trump und Netanjahu im Weißen Haus

          Israelische Siedler : Die extreme Rechte ist empört

          Einerseits bekommt Netanjahu jetzt Ärger mit innenpolitischen Verbündeten. Andererseits sonnt er sich im Glanze seines Auftritts mit Trump: Noch nie kam Washington Israel so weit entgegen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.