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Harry Rowohlt wird siebzig : Kaum weltläufig, war er auch schon weggelaufen

Ganze Welten im Alleingang durchmessen: Harry Rowohlt Bild: Wolfgang Eilmes

Bester im Brummen, und als Übersetzer, Kolumnist und Vorleser sowieso: Die Sprachmacht von Harry Rowohlt ist einzigartig. Am Freitag wird der Alleskönner siebzig Jahre alt.

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          Heute vor 49 Jahren erhielt Harry Rowohlt einen Geburtstagsbrief. Geschrieben hatte ihn sein älterer Halbbruder Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, der berühmte Verleger. Anlass war die Volljährigkeit des „lieben Brüderchens“ (damals war die erst mit 21 Jahren erreicht), der Tag, „an dem Du gewissermaßen weltläufig wirst“. Für Ledig-Rowohlt stand fest, dass Harry Rowohlt ihm im Verlag nachfolgen würde: „Vor Dir liegen die schönsten Aufgaben im denkbar lohnendsten Beruf.“ Doch der Bruder erwies sich später in der Tat als ebenso welt- wie wegläufig: Ihm war die Einbindung in die Strukturen des Rowohlt Verlags zu beengend.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Stattdessen hat Harry Rowohlt für die Leser ganze Welten im Alleingang durchmessen, als Übersetzer (mehr als 125 Bücher, fünf Theaterstücke, ein Film), Autor und Vorleser. Mit der deutschen Fassung von A.A. Milnes „Pu der Bär“ hat er dem von allen Generationen geliebten englischen Kinderbuchklassiker einen Ton gegeben, der längst selbst klassisch geworden ist, nicht zuletzt auch durch das von Rowohlt eingelesene Hörbuch, das seine Stimme berühmt gemacht hat. Die Identifikation mit Milnes Titelheld, dem „Bären von sehr geringem Verstand“, geht so weit, dass Harry Rowohlt seine 1989 begründete Kolumne in der Wochenzeitung „Die Zeit“ als „Pooh’s Corner“ betitelte.

          Rowohlt ist kein gewöhnlicher Übersetzer

          Wer ihm je zugehört hat, der weiß, dass Rowohlt seinem Lieblingsbären nicht geistes-, aber tonhöhenverwandt ist: Bester im Brummen. Vorgebrummt bekam das deutschsprachige Publikum auf ausgiebigen Tourneen Texte seiner Lieblingsautoren: die eigenen natürlich (seit die Kolumnen erschienen), aber auch solche von David Sedaris, Kurt Vonnegut, Milne und vor allem Flann O’Brien. Sie alle vier wurden auch von Rowohlt übersetzt, doch wenn die Begeisterung für ein Buch ihn erfasste, dann spielte es keine Rolle, ob er an dessen deutscher Fassung selbst Anteil hatte. Auf der gerade erschienenen Auswahl-CD „The Best of Harry Rowohlt“ (Random House) findet sich zum Beispiel eine Kurzgeschichte von David Lodge, die Renate Orth-Guttmann übersetzt hat.

          Rowohlt füllt aber auch die deutschen Sprechblasen des Comic-Altmeisters Robert Crumb, und um ein Haar hätte er für den Zweitausendeins Verlag auch Art Spiegelmans Comic-Meilenstein „Maus“ übersetzt. Das scheiterte daran, dass Harry Rowohlt kein simpler Linearübersetzer ist, sondern in den Dialogen eine den Figuren adäquate eigenständige Sprache erschafft. Diese Modifikation mochte der penible Spiegelman nicht dulden, und so wurde ausgerechnet Rowohlt sein Verlag. Andere Autoren dagegen lieben den originellen Harry Rowohlt. Vonnegut schrieb 1998 an ihn: „Ich zähle Dich nunmehr zu meinen geschätztesten Freunden auf Erden. Was waren wir für ein tolles Comedy-Team, außer in Leipzig. Scheiß auf Leipzig.“

          Selbst seine Beleidigungen besitzen Charme

          Was hätten wir – auch in Leipzig – ans Verlagsgeschäft verloren, wenn Harry Rowohlt seinem Bruder nachgefolgt wäre! Jene legendären Lese- und Trinkexzesse etwa, als der Rezitator während des Vortragabends eine ganze Flasche Whisky zu leeren pflegte. Das ist lange vorbei, die Gesundheit Harry Rowohlts hat gelitten. Sein Witz, Geist, Genie nicht. Oder jene Sprachmächtigkeit, die den Schriftsteller Hans Sahl, den Rowohl für eine zwanzig Jahre zurückliegende Beleidigung um Verzeihung gebeten hatte, zu der Bemerkung hinriss: „Sie haben mir so einen überaus netten Brief geschrieben, dass ich Sie gern kennenlernen und noch einmal von Ihnen beleidigt werden möchte.“

          Wenn wir hier nur aus anderer Leute Texten zitieren, nicht aber aus Harry Rowohlts eigenen, dann deshalb, weil dieser Geburtstagsgruß zwar ihm gelten soll, aber auch allen Lesern, die ihn noch nicht kennengelernt haben. Es ist höchste Zeit. Und keine Pointe aus diesen Lese- oder Lauscheindrücken sei hier vorweggenommen.

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