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Harry Potter VI : Seele in sieben Portionen

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Starke Gefühle

Gewidmet hat J.K. Rowling das Werk, den „Zwilling aus Tinte und Papier“, ihrer zweiten Tochter Mackenzie, geboren zu Beginn dieses Jahres. Die starken Gefühle der Schwangerschaft sind in die Handlung eingeflossen: Nicht allein die pubertierenden Schüler, die sich allenthalben küssend in den Armen oder kabbelnd in den Ohren liegen, hat ein hormoneller Überschwang erfaßt. So kommt Ron endlich auf seine Knutschkosten, während Harry mit seiner einstigen Flamme Cho Chang das ganze Buch über kein Wort wechselt, sondern sich statt dessen nach einer früheren Verehrerin verzehrt.

Das aufwallende Gefühlsleben sorgt für nachlassenden sportlichen Ehrgeiz; zwar ist Harry nun Kapitän des Quidditch-Teams, aber verglichen mit den anderen Bänden, kommt der beliebte Zaubersport diesmal ziemlich kurz. Überhaupt fehlen viele der liebenswerten Skurrilitäten, die man aus früheren Büchern kennt und schätzt. Die helfenden Elfen haben nur Kurzauftritte. Auch die magischen Kreaturen, die stets zur zauberischen Atmosphäre beitrugen, all die Einhörner und Kentauren, die Drachen des Wildhüters Hagrid und die Tiere des Verbotenen Waldes, selbst Voldemorts Schlange Nagini oder die Gartengnome der Weasleys, tauchen nicht auf. Der Hippogreif Buckbeak wird unter dem Decknamen Witherwings bei Hagrid vertäut und vergessen. Der Spinnenchef Aragog stirbt, und Harrys Eule Hedwig und Dumbledores Phönix Fawkes flattern nur kurz durch die Szenerie.

Ein Bildungsroman

Wo Joanne K. Rowling sonst in bester britischer Whodunnit-Manier alle Fäden auf den letzten hundert Seiten zusammenführt, ähnelt Harrys Geschichte diesmal eher einem Bildungsroman als einer Detektivgeschichte. Zwar ist das Finale auch dieses Mal durchaus fesselnd, für Tüftler jedoch absolut unbefriedigend. Endlich erfahren wir, warum der große Zauberer Dumbledore dem Zaubertrank-Lehrer Severus Snape trotz dessen früherer Dienste für Voldemort stets vertraut hat - und sind erschrocken über die fadenscheinige Begründung; Harrys Mitschüler und Widersacher Draco Malfoy besinnt sich unvermittelt seiner nicht durch und durch schlechten Charaktereigenschaften; und die Mitglieder des Phönixordens, um die im vorangegangenen Band so ein Aufhebens gemacht wurde, wirken lediglich wie Staffage.

Auch die vielen finsteren Gestalten, die Voldemort seiner Armee von Todesessern hinzugefügt haben soll, treten einstweilen nicht auf. Überhaupt herrscht ein ständiges, nicht immer überzeugendes Kommen und Gehen der Figuren. Harrys Zieheltern, die gräßlichen Dursleys, haben selbst als Ferienheim fast ganz ausgedient. Der Schulkamerad und Freund Neville Longbottom taucht ebenfalls nur am Rande auf. Die auffallendste Fehlstelle jedoch bildet das Böse selbst: Zum ersten Mal hat Voldemort keinen Auftritt. Aber immerhin erfahren wir den perfiden Grund seiner Unsterblichkeit: Er hat seine Seele sieben Mal geteilt.

Das halbherzigste Buch der Serie

J.K. Rowling, die das Prinzip der Vorausdeutung sonst so glänzend und imponierend beherrscht, wird nun all ihre Fähigkeiten zusammennehmen müssen, damit die Serie nicht am Schluß einfach verpufft. Denn während zuvor jeder Band die Geschichte Harry Potters nicht nur fortschrieb, sondern auch immer weiter in seine Vergangenheit hineinleuchtete, beschäftigt sie sich diesmal vor allem mit der Herkunft seines Gegenspielers Voldemort.

„Harry Potter and the Half-Blood Prince“ trägt seine Schwäche schon im Titel: Es ist das halbherzigste Buch der Serie, und es scheint, als sei die Vollblutschriftstellerin diesmal nur mit halbem Eifer bei der Sache gewesen. J.K. Rowling muß für den letzten Band zu ihrer früheren Form zurückfinden. Andernfalls wird die größte Narbe nicht Harry, sondern ihre enttäuschte Leserschaft davontragen.

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