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Harry Potter : Blindflug, sicher gelandet

  • -Aktualisiert am

Die Zauberwelt auf Deutsch Bild: AP

Trolltreppenwitz: Der deutsche Potter-Übersetzer Klaus Fritz über die Arbeit am ersten Band von „Harry Potter“. Damals mußten Entscheidungen getroffen werden, die bis heute nachwirken.

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          Immer muß alles schnell gehen mit "Harry Potter". Das war von Anfang an so. "Hätten wir doch nur manchmal ein klein wenig mehr Zeit gehabt", wünscht sich Gabriele Leja im nachhinein. Sie war 1996 Lektorin im Hamburger Carlsen Verlag, als ein gewisses dickes Manuskript einer unbekannten Joanne K. Rowling auf ihren Schreibtisch kam und die Potter-Maschine auch hierzulande ins Rollen brachte.

          Eine Maschine, von der niemand ahnte, wie groß sie war, wie stark sie beschleunigen und wie hoch sie fliegen würde. "Wir waren im Blindflug", sagt der deutsche Potter-Übersetzer Klaus Fritz über die Arbeit am ersten Band, während der Entscheidungen anstanden, die jetzt immer noch konsistent sein müssen. Denn in dieser Zeit wurden die Weichen gestellt für Wege, die auch in den zukünftigen Bänden noch gangbar sein sollten - sofern die Autorin sie nicht selbst verläßt. "Bis jetzt war kein Holzweg dabei", sagt ihr deutscher Übersetzer.

          Keine Berühmtheiten

          Blindflug mit einem Kinderbuchprojekt - das bedeutet auch, daß man mit Menschen zusammenarbeitet, die noch keine Berühmtheiten sind. Die Zeichnerin Sabine Wilharm etwa, die das Cover gestaltete, hatte zwar zuvor schon Bücher illustriert, war aber wenig bekannt. Ihr Bild von Harry Potter hat sich von Anfang an in die Vorstellung der Leser eingegraben, so tief, daß es wohl auch ihr zu verdanken ist, wenn die Merchandising-Produkte mit dem Design der Warner-Brothers-Version in Deutschland floppten. Daß Sabine Wilharm mit ihren schrägen, gar nicht kuscheligen Gestalten genau die richtige Phantasie für den Text entwickelte und dabei dem Betrachter noch Freiraum für eigene Vorstellungen läßt, hat sich mit jedem Band neu gezeigt und bewährt. Inzwischen ist sie allen Lesern in Deutschland ein Begriff. Auch Rufus Beck, "die" deutsche Stimme der Potter-Welt, ist durch seine Hörbuchversion erst richtig bekannt geworden.

          Wer aber von Anfang bis Ende bescheiden im Hintergrund zu bleiben hat, egal, welchen Weg ein Werk einschlägt, ist der Übersetzer. Klaus Fritz ist das nur recht. Soziologie, Politikwissenschaft und Philosophie hatte er in Berlin studiert, bevor er anfing, Sachbücher zu übersetzen, etwa Werke des Mathematikers Simon Singh. Mit dessen "Fermats letzter Satz" war er gerade fertig, als die Bitte um ein "Potter"-Probekapitel kam. Von den üblichen Verdächtigen unter den Kinderbuchübersetzern hatte gerade niemand Zeit, und so mußte Gabriele Leja es mit jemandem wagen, für den die Kinderbücher Neuland waren.

          Im Detail präzise mitdenken

          Es hätte nicht besser kommen können. "Harry Potter" braucht jemanden, der einen sachlichen Sinn für die vielen Einzelheiten der Zauberwelt hat, der es gewohnt ist, bis in Details hinein präzise mitzudenken; jemanden außerdem, der von dem leider oft allzu lieben Kinderbuch-Jargon unbeleckt ist. Und auch das reicht noch nicht aus. Rowling hat einen trockenen, zum Teil drastischen Humor, der ebenfalls in die angemessene Form gebracht werden will. Klaus Fritz kam das sehr entgegen - etwas zu lachen hatte ihm bei seiner eigenen Science-fiction- oder Fantasy-Lektüre immer gefehlt. Die detektivischen Elemente und der zupackende Humor erscheinen ihm denn auch wichtiger für den Erfolg der Bücher als ihre Ansiedlung in einer halbfantastischen Welt mit dem obligatorischen Kampf zwischen Gut und Böse.

          Vor allem die vielen kleinen Späße, die Rowling sich erlaubt, die Wortneuschöpfungen, Alliterationen und sprechenden Namen waren Herausforderungen der ersten Zeit. Ihre deutschen Entsprechungen entstanden hauptsächlich noch während des Blindflugs, was dem gesamten Zyklus gutgetan hat. Unbefangen und spielerisch konnte Fritz Bezeichnungen wie "Trolltreppe" (escapators) oder "Irrwicht" (boggart) suchen und finden. Auch traf er zu Anfang mutige Grundsatzentscheidungen wie die, die Eigennamen der Personen möglichst in der englischen Form zu lassen, die sprechenden Namen für zauberische Wesen und Dinge dagegen genauso sprechend ins Deutsche zu bringen. Das Ziel war stets, den Text so locker fließen und tief wirken zu lassen wie das Original. Das bedeutete manchmal, ein treffenderes Wort dem eigentlich korrekten Ausdruck vorzuziehen.

          Die Unbefangenheit ist dahin

          Spätestens seit dem Rummel um das Erscheinen des vierten Bandes ist die Unbefangenheit dahin. Klaus Fritz erlebt seitdem, was den meisten seiner Kollegen unbekannt ist: Tausende von Lesern schauen ihm bei jedem Satz über die Schulter. Vor allem im Internet, wo das Besserwissen leichtfällt, sind ganze Communities mit eigenen Übersetzungen und Gegenvorschlägen bei der Sache. Kritische Ausmaße nahmen diese Aktivitäten im Sommer an, als die Hobby-Übersetzungsforscher im dritten Band deutliche Abweichungen vom Original entdeckten; ganze Absätze fehlten da.

          Die Sache löste sich bald in Wohlgefallen auf: Erst die Aufmerksamkeit der Leser brachte an den Tag, daß der britische Verlag kurz vor Drucklegung des Originals kleinere Änderungen angebracht, diese aber nicht an den deutschen Lizenznehmer weitergemeldet hatte. Kopfschüttelnd denkt Klaus Fritz an die heißen Sommerwochen zurück, in denen er täglich zehn Seiten des fünften Bandes übertragen und sich zugleich gegen den schlimmsten Vorwurf wehren mußte, dem ein Übersetzer ausgesetzt sein kann: nicht texttreu zu sein. Trotz allen Ärgers weiß er es aber zu schätzen, wenn die öffentliche Aufmerksamkeit sich auch einmal auf die Mühen des Übersetzens richtet. Hinweise, die den Text verbessern, nimmt er gern entgegen. Wie jeder gute Übersetzer bildet sich Klaus Fritz nicht ein, die perfekte Lösung gefunden zu haben - zumal er stets unter enormem Zeitdruck arbeitet und ihm schon allein deshalb hin und wieder ein Lapsus unterläuft.

          Kongeniale Übersetzung

          Mit Klaus Fritz hat der Carlsen Verlag einen Übersetzer gefunden, der auch deshalb kongenial ist, weil er der Hauptfigur Harry ähnelt: Wie dieser ist er etwas verwirrt über die plötzliche Aufmerksamkeit, möchte am liebsten in Ruhe seinen Aufgaben nachgehen, betont die untergeordnete Rolle, die er in der ganzen Sache spielt - und versucht nicht allzusehr darüber nachzudenken, daß eben doch Wesentliches von ihm abhängt. Und wie Harry läßt er sich von unfairen Angriffen nicht behelligen. Fritz' Lieblingsfigur ist Hermine, die loyale, genaue, begabte Muggeltochter mit dem großen Herzen für die Zukurzgekommenen. Als Übersetzerin wäre Hermine eine Katastrophe: so korrekt, daß jedes Wort stimmen würde, die Geschichte aber nicht mehr atmen könnte.

          Es ist gut, daß Klaus Fritz nicht mit Hermines Übereifer, aber durchaus mit ihrer ernsthaften Haltung an die Sache geht. Seine Treue der Autorin gegenüber ist groß - natürlich sind ihm ihre Schwächen vertraut, aber er fände es kleinlich, darauf herumzureiten. Viel lieber als über seine eigene Arbeit spricht er über das Werk J. K. Rowlings. An dem neuen, heute erscheinenden Band begeistert ihn, wie sie die Charaktere weiterentwickelt und neu beschreibt, zugleich überraschend und folgerichtig. Nach der Arbeit an Band fünf bleibt auch bei ihm nur die Freude auf den nächsten Band - und die Spannung, wie das ganze große Zauberdrama schließlich aufgelöst werden wird.

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