https://www.faz.net/-gqz-nnqk

Harry Potter : Blindflug, sicher gelandet

  • -Aktualisiert am

Vor allem die vielen kleinen Späße, die Rowling sich erlaubt, die Wortneuschöpfungen, Alliterationen und sprechenden Namen waren Herausforderungen der ersten Zeit. Ihre deutschen Entsprechungen entstanden hauptsächlich noch während des Blindflugs, was dem gesamten Zyklus gutgetan hat. Unbefangen und spielerisch konnte Fritz Bezeichnungen wie "Trolltreppe" (escapators) oder "Irrwicht" (boggart) suchen und finden. Auch traf er zu Anfang mutige Grundsatzentscheidungen wie die, die Eigennamen der Personen möglichst in der englischen Form zu lassen, die sprechenden Namen für zauberische Wesen und Dinge dagegen genauso sprechend ins Deutsche zu bringen. Das Ziel war stets, den Text so locker fließen und tief wirken zu lassen wie das Original. Das bedeutete manchmal, ein treffenderes Wort dem eigentlich korrekten Ausdruck vorzuziehen.

Die Unbefangenheit ist dahin

Spätestens seit dem Rummel um das Erscheinen des vierten Bandes ist die Unbefangenheit dahin. Klaus Fritz erlebt seitdem, was den meisten seiner Kollegen unbekannt ist: Tausende von Lesern schauen ihm bei jedem Satz über die Schulter. Vor allem im Internet, wo das Besserwissen leichtfällt, sind ganze Communities mit eigenen Übersetzungen und Gegenvorschlägen bei der Sache. Kritische Ausmaße nahmen diese Aktivitäten im Sommer an, als die Hobby-Übersetzungsforscher im dritten Band deutliche Abweichungen vom Original entdeckten; ganze Absätze fehlten da.

Die Sache löste sich bald in Wohlgefallen auf: Erst die Aufmerksamkeit der Leser brachte an den Tag, daß der britische Verlag kurz vor Drucklegung des Originals kleinere Änderungen angebracht, diese aber nicht an den deutschen Lizenznehmer weitergemeldet hatte. Kopfschüttelnd denkt Klaus Fritz an die heißen Sommerwochen zurück, in denen er täglich zehn Seiten des fünften Bandes übertragen und sich zugleich gegen den schlimmsten Vorwurf wehren mußte, dem ein Übersetzer ausgesetzt sein kann: nicht texttreu zu sein. Trotz allen Ärgers weiß er es aber zu schätzen, wenn die öffentliche Aufmerksamkeit sich auch einmal auf die Mühen des Übersetzens richtet. Hinweise, die den Text verbessern, nimmt er gern entgegen. Wie jeder gute Übersetzer bildet sich Klaus Fritz nicht ein, die perfekte Lösung gefunden zu haben - zumal er stets unter enormem Zeitdruck arbeitet und ihm schon allein deshalb hin und wieder ein Lapsus unterläuft.

Kongeniale Übersetzung

Mit Klaus Fritz hat der Carlsen Verlag einen Übersetzer gefunden, der auch deshalb kongenial ist, weil er der Hauptfigur Harry ähnelt: Wie dieser ist er etwas verwirrt über die plötzliche Aufmerksamkeit, möchte am liebsten in Ruhe seinen Aufgaben nachgehen, betont die untergeordnete Rolle, die er in der ganzen Sache spielt - und versucht nicht allzusehr darüber nachzudenken, daß eben doch Wesentliches von ihm abhängt. Und wie Harry läßt er sich von unfairen Angriffen nicht behelligen. Fritz' Lieblingsfigur ist Hermine, die loyale, genaue, begabte Muggeltochter mit dem großen Herzen für die Zukurzgekommenen. Als Übersetzerin wäre Hermine eine Katastrophe: so korrekt, daß jedes Wort stimmen würde, die Geschichte aber nicht mehr atmen könnte.

Es ist gut, daß Klaus Fritz nicht mit Hermines Übereifer, aber durchaus mit ihrer ernsthaften Haltung an die Sache geht. Seine Treue der Autorin gegenüber ist groß - natürlich sind ihm ihre Schwächen vertraut, aber er fände es kleinlich, darauf herumzureiten. Viel lieber als über seine eigene Arbeit spricht er über das Werk J. K. Rowlings. An dem neuen, heute erscheinenden Band begeistert ihn, wie sie die Charaktere weiterentwickelt und neu beschreibt, zugleich überraschend und folgerichtig. Nach der Arbeit an Band fünf bleibt auch bei ihm nur die Freude auf den nächsten Band - und die Spannung, wie das ganze große Zauberdrama schließlich aufgelöst werden wird.

Weitere Themen

2,9 Millionen für Mona-Lisa-Kopie Video-Seite öffnen

Bei Auktion : 2,9 Millionen für Mona-Lisa-Kopie

Auf einer Versteigerung wurden 2,9 Millionen Euro für eine Kopie des Meisterwerks von Leonardo da Vinci gezahlt. Nach Angaben des Auktionshauses Christie's handelt es sich dabei um einen Rekordpreis für eine derartige Replik.

Topmeldungen

Deutscher Sieg über Portugal : Ein Abend, an dem Funken sprühen

Mit der überwältigenden Mischung aus Wucht und Wille erfüllt die DFB-Elf ihren Auftrag gegen Portugal. Auch die Konkurrenz in Fußballeuropa dürfte diese deutsche Verwandlung mit einigem Staunen gesehen haben.

Deutsche Einzelkritik : Müller nervt Portugal, Gosens ragt heraus

Beim Sieg über Portugal macht Robin Gosens wohl die Partie seines Lebens. Auch andere DFB-Akteure zeigen sich deutlich verbessert. Aber einer scheint nicht der Lieblingsspieler von Bundestrainer Joachim Löw zu sein.
Kann Jens Spahn als von Corona genesen gelten?

F.A.S. Exklusiv : Herr Spahn und die Genesenen

Der Gesundheitsminister macht es Leuten schwer, die Corona schon überstanden haben. Wie viele Impfungen sie brauchen, ist umstritten. Hat Jens Spahn sich selbst vergessen?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.