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Harald Schmidt als Tänzer : „Egon, du machst mich wahnsinnig!“

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Mein Mega-Balletterlebnis hatte ich übrigens mit Birgit Keil, aber außerhalb des Theaters. Ich stand als Schüler auf dem Stuttgarter Bahnhof am Gleis, als aus dem D-Zug aus Basel Marcia Haydée, Richard Cragun, Birgit Keil und Egon Madsen stiegen. Birgit Keil sah aus wie aus „Anna Karenina“, mehr Pelz geht nicht. Der Bahnsteig teilte sich wie das Wasser, denn die vier gingen einfach da in einer Phalanx daher. Plötzlich blieb Birgit Keil stehen und rief aus: „Egon, du machst mich wahnsinnig!“ Und das ersetzt für mich eine ganze Choreographie.

Das habe ich immer bewundert, ich fand es schon in der Schule frustrierend, wenn die Tänzer in die Kantine kamen, um sich einen Löffel zu holen oder sich nach einer halben Banane zu beugen, mehr ist es ja gar nicht, aber das sind bei denen einfach andere Bewegungsabläufe. Das ist wie bei Profisportlern. Wenn ein Fußballer gegen den Ball tritt, hat das nichts mit einem Laien zu tun, der mal gerne kickt. Oder wenn die Tänzer dann auf Theaterfeste kamen in ihren Privatklamotten und mit einem Glas in der Hand einfach so ein bisschen herumhotteten. Es ist eigentlich unfassbar frustrierend für jemanden, der das nicht kann.

Ich finde das ansteckend.

Aber wollen Sie dann daneben den Verwaltungsdirektor mit seiner Lebensabschnittspartnerin tanzen sehen? Ich nicht.

Wenn er anschließend das Ballett gut behandelt, dann meinethalben.

Tänzer arbeiten so hart dafür und müssen dann auf einer Tanzfläche im Grunde gar nicht viel machen, damit ich sehe, oh, hier halte ich mich fern. Die meisten anderen gehen trotzdem und tanzen, da kann man dann studieren, was der Satz aus der Schauspielausbildung „Du darfst die Mitte nicht verlieren“ genau bedeutet. Tanz ist eigentlich etwas Universelles, für das man keine Ausbildung braucht. Und dennoch: Ich will mich selbst nicht tanzen sehen.

Weil Sie sich nicht gerne lächerlich machen? In Ihren Sendungen machen Sie sich doch auch lächerlich.

Aber das ist etwas anderes. Das ist eine weitgehend gesteuerte Sache.

Angst vorm Kontrollverlust also. An Birgit Keil und den Tänzern ihrer großen Zeit bewundere ich, dass sie und ihre Kolleginnen femininer, erwachsener aussahen. Frauen und Männer sahen mehr aus wie gutaussehende Menschen der normalen Welt. Nicht so superdünn, nicht so akrobatisch-athletisch.

Das hat mit den Anforderungen an heutige Tänzer zu tun, denke ich. Schauen Sie sich an, was Martin Schläpfers Leute leisten. Im Schauspiel ist das auch so. Heute ist das Standard, dass Schauspielschüler die Wand rauflaufen können. Bei mir auf der Schule konnte das gerade mal einer. Salto aus vier Meter runterspringen, Handstand-Überschlag, Akrobatik - überhaupt kein Thema! Auch die Schauspieler meines Alters sind extrem körperlich fit noch. Die Anforderungen haben sich enorm verändert.

Wenn aber, wie Sie sagen, Theaterschauspieler auch alle jetzt so Superkörper haben, wenn wie in Hollywood an der Perfektionierung gearbeitet wird, tritt dann nicht so ein Entfremdungsprozess ein?

Nein, das glaube ich nicht, denn es sind ja nie unerreichbare Menschen, die zu sehen sind im Theater. Es gibt aber eine viel größere Körperlichkeit als vor dreißig oder vierzig Jahren.

Ist das ein positiver Effekt des Tanztheaters?

Das glaube ich nicht. Das hat eher damit zu tun, dass viele Regisseure dem Text nicht mehr trauen. Wenn Ruprecht im „Zerbrochnen Krug“ einfach mal vom Stuhl kracht oder auf Händen hereinläuft, weil man sagt, Kleist reicht nicht. Ich war nur total überrascht, weil mir da zwanzig Jahre Entwicklung fehlten, zu sehen, was da so gemacht wird. In meinem Jahrgang war ein Einziger, der sich zu Boden fallen lassen und erst im letzten Moment mit den Händen abfangen konnte. Das kann heute jeder.

Zur Person

Geboren 1957, Schwabe, katholischer Pfadfinder, Organist, Zivildienst in einem Pfarrbüro in Nürtingen. So weit sah das alles ganz ordentlich aus, sehr ordentlich sogar.

Dann Schauspielschule in Stuttgart und Engagement an den Städtischen Bühnen Augsburg, erste Rolle als zweiter Mameluck im „Nathan“, Beiträge zu Kultur, Aufklärung und Toleranz also.

1984 Wechsel ins kabarettistische Fach ans Düsseldorfer „Kom(m)ödchen“ und zu Soloauftritten, schließlich aber Fernsehen: SFB, WDR, Radio Bremen, SWR, Sat1, ZDF, Sky. Er hatte sie fast alle.

Schönste Buchtitel: „Sex ist dem Jakobsweg sein Genitiv. Eine Vermessung“ (2007) und „Fleischlos schwanger mit Pilates. Erfolgreiche Frauen sagen, wie es geht“ (2011).

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