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Soundtracks für E-Autos : Krach von gestern

Wenn es nicht stinkt und nicht lärmt, ist Autofahren für manche einfach nicht attraktiv genug. Bild: dpa

Der Filmkomponist Hans Zimmer hat einen Motor-Soundtrack für das Innere von E-Autos produziert. Er klingt wie ein auf hundertachtzig Sachen beschleunigter Klingelton. Ist das die Zukunft – oder nur sentimental?

          Der deutsche Filmkomponist Hans Zimmer hat für die Elektrofahrzeuge von BMW einen Motorensound produziert. Bislang rollen solche Autos ja leise über die Straßen, kaum hörbar innen wie außen; BMW aber sorgt sich darum, dass diese irritierende Stille am Steuer eine „Entfremdung zwischen Fahrer und Fahrzeug“ befördern könnte – und hat deswegen Zimmer beauftragt, ein Kabinengeräusch zu erzeugen. Als Sonderausstattung. „BMW Iconic Sounds Electric“ heißt die Komposition und klingt, so weit man das aktuell beurteilen kann, wie ein auf hundertachtzig Sachen beschleunigter Klingelton.

          Bevor sich jetzt aber alle gleich wieder aufregen, das sei ja typisch, für so etwas haben sie Geld, ewig verschleppen sie die Entwicklung nachhaltiger Technologien, aber kaum rüsten sie nach, muss natürlich direkt wieder so ein röhrender Männersound mit eingebaut werden, und dann auch noch aus Hollywood, bevor also wieder das große Geheul ausbricht, nichts sei mehr wahrhaftig, nicht mal mehr der Kavaliersstart: Hans Zimmer hat schon viel schlimmere Sachen als künstliche Motorengeräusche komponiert.

          Zum Beispiel den Soundtrack zu „Last Samurai“, „Rain Man“, „Rendezvous mit einem Engel“, „Der Prinz von Ägypten“, „Sherlock Holmes“, „Miss Daisy und ihr Chauffeur“, und das sind nur ein paar der Soundtracks, die Zimmer Preisnomierungen eingebracht haben, denn da gibt es ja noch „Narren des Schicksals“, „Tage des Donners“, „Tränen der Sonne“, „Rango“, „Inferno“ und „Kung Fu Panda 2“.

          Zimmer ist schon immer ein Lieferant gefühlsverstärkender Begleitgeräusche gewesen. Wenn man so will, haben diese Geräusche zuverlässig dafür gesorgt, dass sich das Kinopublikum nicht von den Erwartungen an einen Liebesfilm entfremdete: Hing der Himmel einmal voller Geigen, hörte man die auch.

          Stärker war Hans Zimmer dagegen immer dann, wenn es um futuristische Stoffe ging, sein Soundtrack zu „Blade Runner 2049“ transportierte die epochale Vorlage von Vangelis aus dem Jahr 1982 in eine Zukunft, in der Techno und atonaler Noise lange in der Vergangenheit liegt. Was hört ein schlafloser Android, wenn der von Zuhause träumt? Süßes, lautes, weißes Rauschen.

          Mixtapes von Morgen

          Das war klug – und klug auch, was Zimmer 2014 für Christopher Nolans „Interstellar“ schrieb: Ein Raum-Zeit-Epos, in dem jegliche Gewissheit aufgehoben ist, dass das, was war, auch damals geschehen ist und nicht morgen geschieht, damit wir uns daran erinnern, als wäre es gestern gewesen. Diesen Schwebezustand übersetzte Zimmer in futuristische Kirchenorgeln.

          Insofern passt das mit ihm und den Autos von morgen mit dem Krach von gestern schon ganz gut. Autos, in denen man sich entscheiden kann, ob man auf Roadtrips ein Mixtape spielt, zu dem man den Kopf an die Scheibe legen und nach draußen starren kann – oder Motorensound. Science-Fiction: Immer schon nostalgisch.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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