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25 Jahre Kruzifix-Beschluss : Plötzlich eine fast magische Bildauffassung

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Wollte man den reformatorischen Bilderstreit erneuern?

Dort lernte ich den Präsidenten des Ersten Senats, Johann Friedrich Henschel, kennen. Henschel war ein aus der Kirche ausgetretener, jedoch protestantisch sozialisierter Jurist. Er erwies sich im Gespräch als vorzüglicher Kenner der modernen Literatur. Wir unterhielten uns über Thomas Manns „Doktor Faustus“. Henschel zitierte ganze Sätze auswendig. Zur bildenden Kunst hatte er nach eigenem Bekunden ein schwächeres Verhältnis, aber auf der unausweichlichen Wirkmacht der Bilder beharrte er entschieden – ich ahnte, dass die entsprechenden Formulierungen des Kruzifix-Beschlusses auf ihn zurückgingen.

Wollte das Verfassungsgericht den reformatorischen Bilderstreit erneuern? Henschels Sichtweisen waren für mich ein Beispiel für das, was Werner Hofmann die „protestantische Regression aus dem Bild in das Wort“, die „reformatorische Bildangst“ genannt hat. So war, dachte ich, bei den zwei Entscheidungen des Gerichts ein seltsames Doppelwesen entstanden: Das Schulgebet durfte bestehen bleiben nach dem Grundsatz „Das Wort sie sollen lassen stan“. Das Kreuz als Bild dagegen verfiel dem Bildverbot – ein halbbewusster, unterirdisch wirksamer Interpretationseinfluss aus Konfessionszeiten.

Eine antikirchliche Bewegung leitete der Kruzifix-Beschluss von 1995 nicht ein. Ein revidiertes bayerisches Erziehungs- und Unterrichtsgesetz (mit einer ausführlichen Konfliktregelung) fing noch im gleichen Jahr die Kontroverse auf. Widersprachen Erziehungsberechtigte aus Glaubens- und Weltanschauungsgründen dem Kreuz im Klassenzimmer, so war ein Einigungsverfahren vorgesehen. Misslang die Einigung, so musste nach dem bayerischen Gesetz die Schulleitung entscheiden: sie hatte eine Regelung zu treffen, welche die Glaubensfreiheit der Widersprechenden achtete und die Überzeugungen aller Betroffenen in der Klasse zu einem Ausgleich brachte – die alte, früher auch vom Bundesverfassungsgericht betonte Regel der Konkordanz. Mit Hilfe dieser Maßregeln wurde der Streit, der ja nie größere Dimensionen angenommen hatte, rasch entschärft; überall fand man örtliche Lösungen. Bis heute hat übrigens auch kein Muslim und auch kein Jude in Deutschland die Abhängung von Kreuzen in Schulen verlangt.

Die italienische Regierung erhob Einspruch

Der deutsche Kreuzstreit wiederholte sich von 2009 bis 2011 auf europäischerEbene. Betroffen war Italien, und an die Stelle des deutschen Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe trat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg – zunächst dessen Erster Senat. Karlsruher Argumente – und Gegenargumente – tauchten nun auch bei den Verhandlungen in Straßburg auf. Eine in Italien lebende Finnin, Soile Lautsis, nach eigenem Bekenntnis Atheistin, hatte vor dem Verwaltungsgericht der Provinz Venetien dagegen geklagt, dass in den Klassenräumen ihrer Kinder Kreuze hingen.

Der Erste Senat in Straßburg gab ihr recht und verurteilte Italien zur Abhängung der Kreuze mit dem Argument, das obligatorische Anbringen in staatlichen Schulen verstoße gegen die Europäische Menschenrechtskonvention; es schränke das elterliche Erziehungsrecht ein – und der Anblick eines Kreuzes könne auf Kinder anderer oder keiner Religion „verstörend“ wirken. Also ganz ähnliche Argumente wie ein paar Jahre vorher vor dem deutschen Bundesverfassungsgericht.

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