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Enzensberger über Dichter : Listgreise

Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger Bild: Picture-Alliance

Wie viele Dichter brauchen wir eigentlich? Und war Henry Miller wirklich „zu dumm für einen Schriftsteller“? Hans Magnus Enzensberger lässt sicherheitshalber einen Platz in der Ruhmeshalle frei.

          Das nächste Buch von Hans Magnus Enzensberger, das im kommenden Jahr bei Suhrkamp erscheinen wird, hat neunundneunzig Kapitel. Es reiht Lebensläufe von Schriftstellern aus dem zwanzigsten Jahrhundert aneinander, die in dieser mörderischen Zeit ein gesegnetes Alter erreichten, so dass Enzensberger die Kollegen zu Überlebenskünstlern stilisieren kann. Im Gespräch mit Alexander Kluge gewährte er jetzt auf Schloss Elmau einen ersten Einblick in die nach Geburtsdatum sortierte Sammlung.

          Warum neunundneunzig und nicht hundert? Trüge man Briefmarken mit den Köpfen aller dieser Geisteshelden zusammen und arrangierte man die Serie der gummierten Porträts zum Quadrat, klaffte irgendwo eine Lücke. Enzensberger kokettiert mit dem Fragmentarischen seines Projekts, hat zur Lesung just die Beispieltexte nicht mitgebracht, nach denen Kluge fragt. Was die Hörer geboten bekommen, sind daher Fragmente von Fragmenten. Das unvollständige Material erweist sich als spaltbar: Jeden improvisierten Satz stellt Enzensberger wie eine Pointe in den Raum, es ergibt sich eine kuriose Spannung zwischen beiläufigem Duktus und emphatischem Ton. Die mündlichen Nacherzählungen der Gedenktafeln werden zu Prosagedichten: Balladen nicht aus der Geschichte des Fortschritts, sondern der Fortexistenz, des kontingenten Übrigbleibens. Hier und da wird sogar ein einzelnes Wort zum surrealistischen Ereignis, wie es sich Karl Heinz Bohrer nicht plötzlicher wünschen könnte. Den Nachnamen von Ricarda Huch lässt Enzensberger explodieren wie ein Knallbonbon: Die Dichteraugen blitzen, die Dichterhand springt auf, als müssten wir vor Schreck zusammenzucken, nur weil die Verfasserin des Romans „Vita somnium breve“ (Das Leben, ein kurzer Traum) 83 Jahre alt geworden ist.

          Kann man’s ihr nachmachen? Offenbar ja, wenn man Enzensberger beim Wort nimmt: „Wir müssen trainieren.“ Enzensberger klingt wie Kieser. Und sabotiert doch Kluges pflichtbewusste Versuche, ihm die Trainingsmethodik zu entlocken. Wie haben es die listigen Artisten geschafft, den Schergen, Häschern und Neidern zu entwischen? Enzensberger entzieht sich. Kluge bringt das Paradox des Unternehmens auf den Punkt: Das Berufsgeheimnis der Überlebenskünstler muss die Intelligenz sein, doch indem sie sich in der Suche nach Auswegen bewährt, nimmt sie selbst einen flüchtigen Charakter an. Sieht Enzensberger genau hin, ist oft jede Spur von ihr verduftet. Als Ezra Pound die „Cantos“ schrieb, war er „nicht mehr ganz dicht“, und Henry Miller war sowieso „einfach zu dumm für einen Schriftsteller“. Kluge ist mit 85 Jahren ein Pläneschmied geblieben und stellt sich Enzensbergers Buch als Intelligenzspeicher vor, als Poeten-Automaten: Auf jedes Dichterleben könne man eine eigene Moderne gründen. Der siebenundachtzigjährige Enzensberger bekennt dagegen: „Ich weiß nicht, ob wir so viele Dichter brauchen.“ In der Ruhmeshalle bleibt genau ein Platz frei.

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          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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