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Hans-Jochen Vogel : Es ist ein Unterschied, ob jemand Soldat war

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Zu früh für das Wort Befreiung - Hans-Jochen Vogel Bild: picture-alliance / dpa

Hans-Jochen Vogel, früherer Minister und SPD-Vorsitzender, will einen „Schlußstrich“ unter den Zweiten Weltkrieg nicht zulassen. Vogel über den Nationalsozialismus, die Sozialdemokratie und die Thesen des Historikers Götz Aly.

          Hans-Jochen Vogel gehört zu den prägenden Politikern der Bundesrepublik: Er war Oberbürgermeister von München und Minister der sozialliberalen Koalition in den Kabinetten von Willy Brandt und Helmut Schmidt, zunächst für Raumordnung und Städtebau, dann für Justiz. 1981 wurde er Regierender Bürgermeister von Berlin, von 1987 bis 1991 amtierte er als Vorsitzender der SPD.

          Mit der „Aufarbeitung der Vergangenheit“ war Vogel, der selbst in der Wehrmacht gedient hatte, auf besondere Weise verbunden, indem er die später revidierte Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ des Hamburger Instituts für Sozialforschung in einem begleitenden Kuratorium unterstützte. In einer Festrede zur Wehrmachtsausstellung äußerte er, daß die deutsche Gesellschaft es sich nicht leisten könne, unter den Zweiten Weltkrieg einen „Schlußstrich“ zu ziehen. Der Prozeß der Auseinandersetzung müsse weitergehen. Gerade in den Generationen der Nachgeborenen dürfe der Maßstab für das Unrecht des Krieges nicht verlorengehen.

          Herr Vogel, was haben Sie am 8. Mai 1945 gemacht?

          Ich war in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Italien. Ich war Ende April in Gefangenschaft geraten und gehörte zu einer kleinen Gruppe in dem großen Lager, die ein bißchen Englisch konnte. Wir haben aus „Stars and Stripes“ täglich ein paar Dinge übersetzt. Am 8. Mai hörten wir zunächst nur gerüchteweise von der Kapitulation. Am nächsten Tag konnten wir es in einer Notiz am Schwarzen Brett aus „Stars and Stripes“ übersetzen. Es war zunächst ein Aufatmen, daß das Töten und Morden und der Krieg und die Bomben ein Ende hatten.

          Haben Sie das als Befreiung erlebt?

          Das Wort Befreiung wäre einem damals noch nicht in den Sinn gekommen. Aber eine Erleichterung war es, daß dieses Morden und Töten ein Ende hat. Die Frage der Befreiung ist wohl erst durch die Weizsäcker-Rede 1985 wirklich thematisiert worden, und das war natürlich auch eine Befreiung.

          Wie lange und wo waren Sie Soldat?

          Ich wurde mit siebzehn Jahren eingezogen, im Juli 1943, kurz nach dem Abitur. Zur Ausbildung war ich in Frankreich. Im März 1944 wurde ich nach Erfurt verlegt. Zwischendrin war ich an einer schweren Gelbsucht erkrankt. Ich gehörte damals bereits zu den ROBs, also den sogenannten Reserve-Offiziersbewerbern. Dann war ich in Italien, wurde dort verwundet, war als Genesener wieder in Erfurt, kam dann im Januar ein zweites Mal nach Italien, wurde wieder verwundet und kam ins Lazarett. Aber im April habe ich mich wieder bei meinem Truppenteil eingefunden. Mir wurde die Aufgabe übertragen, eine Gruppe von Handwerkern von der sogenannten Stammkompanie nach Norden an einen Ort zu bringen, wo die Division auf ihrem Rückzug länger Station machen wollte.

          Hatte die Nachricht von Hitlers Tod für Sie irgendeine Bedeutung?

          Keine wesentliche mehr. Wir haben auch das aus „Stars and Stripes“ übernommen und haben das an die Tafel gehängt. Eines muß ich hier noch erwähnen: Am 19. April 1945, kurz vor der Gefangennahme, hörten wir in einem Dorf, wo die militärischen Strukturen sich schon in voller Auflösung befanden, die Rede, die Goebbels am Vorabend von Hitlers Geburtstag zu halten pflegte. Diesem dämonischen Teufel ist es gelungen, selbst alte Soldaten noch einmal für einen Moment fragen zu lassen: Ist da doch noch irgendeine Geheimwaffe? Das war aber nach Stunden verflogen.

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