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Hans-Jochen Vogel : Es ist ein Unterschied, ob jemand Soldat war

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Das ist eine interessante Frage, denn mein Bruder beantwortet die Frage immer dahin, daß ihn Adenauer beeindruckt hat. Adenauer war für mich 1949 noch kein Begriff. Er hatte die Bundestagswahl gewonnen. Wir wußten, er war vorher schon Oberbürgermeister von Köln, aber die von mir Genannten waren mir näher und greifbarer und auch überzeugender.

Hat sich im Lauf der Zeit Ihr Urteil über Adenauer verändert?

Damals war meine Beurteilung kritisch. Es gab dann auch diese häßlichen Sachen, die ich nicht ganz vergessen habe: Wie er Willy Brandt 1961 titulierte, wenige Tage nach dem Mauerbau: „der unehelich geborene Herbert Frahm“. Heute sage ich, daß unser Volk und unser Land eine solche Entwicklung genommen haben, ist auch ihm zu verdanken.

Wann hatten Sie das Gefühl, daß die Bundesrepublik funktioniert?

Das hat sich schon unter dem Eindruck des wirtschaftlichen Aufschwungs Ende der fünfziger Jahre eingestellt. Nur bitte, was auch oft verdrängt wird, das alles war ja doch ständig überlagert von der Sorge, ob es zu einer Konfrontation zwischen Ost und West kommt. Die Furcht vor einem Atomkrieg war ja kein Hirngespinst. Auch damit ist die Bundesrepublik im Ergebnis vertretbar umgegangen, ebenso mit den Achtundsechzigern.

Inwiefern meinen Sie, daß die Bundesrepublik mit der Revolte der Achtundsechziger angemessen umgegangen ist?

Erstens hat es die Republik verstanden - und da hat Willy Brandt einen erheblichen Anteil -, viele junge Menschen, die dadurch wach geworden waren und sich engagierten, für die Demokratie zu gewinnen. Die 170.000, die da 1971/72 der SPD beigetreten sind, waren überwiegend junge Leute, die aus diesem Bereich stammten. Das zweite: Die Achtundsechziger haben bei allen Übertreibungen und Absonderlichkeiten die gesellschaftliche Wirklichkeit doch durchlüftet. Und noch etwas kommt hinzu. Unsere demokratischen Strukturen haben ermöglicht, daß sich das Thema Umwelt, das die vorhandenen Parteien vernachlässigt hatten, eine parlamentarische Vertretung in Gestalt der „Grünen“ verschafft hat. Und sie haben diese dann so verändert, daß sie nun seit Jahren Regierungsverantwortung tragen.

Aber die Achtundsechziger haben viele der sogenannten Sekundärtugenden in Frage gestellt, wenn nicht gar abgeschafft. Das nehmen Sie in Kauf?

Nein, dem habe ich energisch widerstanden. Heute unterscheiden sie sich in diesem Punkt kaum mehr von den anderen Parteien.

Sie wurden 1960 Oberbürgermeister von München. Fünfzehn Jahre nach Kriegsende, in einer Stadt, die einmal als Hauptstadt der Bewegung galt. Viele der ehemaligen Nazis hatten sich nach München zurückgezogen. Spürte man die Vergangenheit noch?

Es gab manchmal Merkwürdigkeiten, bei denen man nachdenklich wurde. Aber es hat das Leben und die Entwicklung der Stadt nicht mehr nennenswert tangiert. Man muß im übrigen, was das Verhältnis Münchens zum Nationalsozialismus angeht, zwei Phasen unterscheiden. Die Phase eins setzt 1919/1920 ein, da haben die Nationalsozialisten in München überdurchschnittliche Erfolge erzielt. Wenn sie aber dann die Wahlergebnisse ab 1930 ansehen, liegen München und der altbairische Teil Bayerns immer deutlich unter dem Durchschnitt.

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