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Hans-Jochen Vogel : Es ist ein Unterschied, ob jemand Soldat war

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Das ist auch die Frage von Joachim Fest. Wenn Hitler 1938 einem Attentat zum Opfer gefallen wäre, wie stünde er in der deutschen Geschichte da?

Er stünde wahrscheinlich nicht so da, wie er heute mit Recht dasteht, als ein wahnsinniger, blutiger Tyrann. Aber im weiteren Verlauf hätte all das, was in Deutschland bis dahin schon geschehen war, Verfolgung politischer Gegner, Konzentrationslager, Umgang mit den Juden, sein Bild in der Folgezeit nachhaltig beeinträchtigt.

Was haben Sie von Deportationen und Erschießungen als Jugendlicher erfahren?

Als Jugendlicher gar nichts. Aber als Soldat einmal in einer mich bedrückenden Weise. Ich sagte schon, ich war verwundet in Erfurt. Eines Tages im Januar mußten wir heraustreten. Dann wurden Leute aufgerufen und eingeteilt, und es wurde der Befehl gegeben, in die Schießstätte zu marschieren. Plötzlich wurde klar, hier findet jetzt eine Erschießung statt. Dann wurde der Betreffende herausgeführt, und ich habe gesehen, den kennst du ja, der war ja mit dir im Jungvolk, Weingärtner hieß er. Das ist mir unglaublich an die Nieren gegangen. Dann wurde das Urteil verlesen. Er hatte, unter Ausnutzung der Verdunklung, so hieß das damals, auf dem Bahnhof ein Päckchen gestohlen. Dann wurde wenigstens befohlen, daß die Anwesenden sich umdrehten. Ich habe einen Moment überlegt, was hättest du denn gemacht, wenn sie dich zum Erschießungskommando eingeteilt hätten? Ich hätte wahrscheinlich gesagt, ich kenne den, das ist für mich nicht vollziehbar, aber Gott weiß es.

Gab es unter den Politikern der siebziger und achtziger Jahre eine politische Verbundenheit der Kriegsteilnehmer?

Es gibt diese Darstellung gewisser Kohorten. Es ist ein Unterschied, ob jemand Soldat war oder nicht. Ein paar Wochen Flakhelfer würden da nicht ausreichen, aber wenn einer Soldat war, wenn er Tote neben sich hat liegen sehen, wenn er in Gefangenschaft geraten ist, vor allen Dingen wenn er in russischer Gefangenschaft war, das hat doch in dem Sinne eine Rolle gespielt, daß man das nie wieder haben wollte, unter gar keinen Umständen.

Welche Vorstellung von der Zukunft Deutschlands hatten Sie?

Keine sehr konkreten. Nur das Gefühl, daß man sich für das Gemeinwesen engagieren müsse, um die Vergangenheit zu überwinden. Ich habe mir deshalb die Parteien sorgfältig angesehen. Für die Sozialdemokratie entschied ich mich aus zwei Gründen. Einmal, weil ich bei einer Kundgebung in Rosenheim im Juni 1949 Kurt Schumacher hörte. Ich weiß nicht mehr, was er sagte, aber die Glaubwürdigkeit dieses Mannes hat mich ungeheuer beeindruckt. Dann gab es Waldemar von Knoeringen, der da auch zum ersten Mal in mein Blickfeld trat. Später Wilhelm Hoegner. Zum anderen stimmten meine Vorstellungen von Gerechtigkeit mit denen der Sozialdemokratie am ehesten überein. Auch das Verhalten der Sozialdemokratie in der Auseinandersetzung mit dem Stalinismus und in der Auseinandersetzung mit westlichen Alliierten, zu der Schumacher ja, dank seiner eigenen Geschichte, durchaus legitimiert war, spielte eine Rolle.

Wie empfanden Sie den Gegenspieler Konrad Adenauer?

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