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Hans-Jochen Vogel : Es ist ein Unterschied, ob jemand Soldat war

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Was haben Sie von den Schrecken, vom Terror, von dem Massenmorden des Systems mitbekommen?

Ich war in der Hitlerjugend, ich hatte am Schluß den Dienstgrad eines Scharführers. Ich hatte einen Vater, der zwar im Oktober 1932 der NSDAP beigetreten war, sich aber ab 1935 immer stärker distanzierte und zu Hause kritische Reden führte. Ich habe ihm damals gesagt: „Vater du bist doch Beamter, der Staat bezahlt dich, wie kannst du denn so reden?“ Was er geantwortet hat, weiß ich nicht mehr genau. Aber jetzt zum Kern Ihrer Frage. Ich habe noch vor Augen, wie in Gießen die Synagoge brannte. Wir liefen hin, sahen das und sahen auch erstmals, daß Feuerwehrleute und Polizeibeamte nicht etwa löschten, sondern offenbar halfen, daß die Flammen richtig in Gang kamen. Konkretes über die dann folgenden Verbrechen habe ich nicht gewußt und erfahren. Wie ich in Frankreich während der Gelbsucht im Lazarett war, hat mir ein Obergefreiter gesagt: „Ich war im Osten, ihr habt keine Vorstellung, was da passiert, massenhafte Erschießungen.“ Dann sind wir in ihn gedrungen, aber er wollte sich nicht mehr dazu äußern. Zweifel, ob das, was von der Führung gesagt wurde, auch stichhaltig ist, hatten wir schon vorher und sprachen auch darüber. Aber - weil gerade der Film über Sophie Scholl läuft, der außerordentlich eindrucksvoll ist: Der Gedanke, man könne dem eigenen Staat sogar im Krieg Widerstand entgegensetzen oder müsse es sogar, war außerhalb unserer Vorstellung, leider.

Haben Sie sich von der herrschenden Ideologie beeindrucken und beeinflussen lassen? Oder gab es einen geringfügigen inneren Widerstand, vielleicht sogar mehr?

Da war bei mir immer eine gewisse Spannung, weil ich einerseits in meiner Jugend katholischer Meßdiener war, weil ich weiter, auch nachdem er an den Schulen nicht mehr erteilt wurde, am katholischen Religionsunterricht im Pfarrhaus teilgenommen habe. Auf der anderen Seite habe ich in der Hitlerjugend den genannten Dienstgrad gehabt, habe auch als Mitarbeiter auf der Bannebene mich um Laienschauspiele oder Fanfarenzüge gekümmert. Aber die Spannung war spürbar.

Wie nahmen Sie die Figur Hitlers wahr, als Sie älter geworden waren?

Ich habe ihn nie mit eigenen Augen gesehen. Andere hatten die Gelegenheit, aber ich kannte ihn im wesentlichen nur von den Reden. Von denen ging schon eine gewisse Faszination aus. Aber ein Unbehagen blieb wegen der Lautstärke und der Intonation.

Sie stammen aus einem bürgerlichen Haus. Was hat Ihren Vater dazu bewogen, 1932 in die Partei einzutreten?

Das erste Motiv war sein Kriegsdienst als Leutnant. Und dann kam, wie er es nannte, das „Diktat von Versailles“. Das zweite Motiv ergab sich aus dem Zustand des Landes, der Weltwirtschaftskrise mit sechseinhalb, sieben Millionen Arbeitslosen.

Dann ging es wirtschaftlich schnell bergauf. Gab es also eine Wohlfühldiktatur?

Der Abbau der Arbeitslosigkeit ging in großem Tempo voran. Wobei uns, mir jedenfalls, nicht genügend klar wurde, daß das im wesentlichen der Rüstung und der Wiedereinführung der Wehrpflicht geschuldet war. Im übrigen, ich bin nicht sicher: Wenn es nach dem Anschluß Österreichs, im März 1938, vor der Sudetenkrise, etwa im August eine völlig freie Wahl gegeben hätte - vielleicht mit einer absoluten Mehrheit?

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