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Hans Christoph Buch wird 70 : Reise zum besten Albtraum der Welt

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So reist der Autor: Hans Christoph Buch in einer chinesischen Garküche. Bild: privat

Selbst Graf Dracula wird bei ihm zum Erzähler: Hans Christoph Buch, unablässig von Weltneugier getrieben, wird Siebzig und hat gleich drei neue Bücher zu bieten.

          Provinzialität – dass dieser alte Vorwurf gegen die deutsche Literatur nicht mehr zieht, ist auch das Verdienst Hans Christoph Buchs. Afrika, Südamerika, die Karibik gehören zu den Erfahrungsräumen seiner postkolonialen Romane und Reportagen. Reiselust und Weltneugier sind offenbar ein Familienerbteil. Buchs Vater war Diplomat; sein Großvater, ein Apotheker, wanderte Ende des neunzehnten Jahrhunderts nach Haiti aus, wo er eine Kolonie von Geschäftsleuten mit Medikamenten versorgte und eine Kreolin heiratete, deren Deutsch zeitlebens nicht über die Worte „Schwein“ und „Kartoffeln“ hinauskam.

          Drei Bücher hat Buch allein in den letzten zwölf Monaten veröffentlicht; das gewichtigste ist „Baron Samstag oder das Leben nach dem Tod“. Autobiographische Maskeraden, historische Vexierspiele, politisch-polemische Interventionen, krasse Kontrafakturen, bildungsbefrachtete Kaperfahrten – all das bietet die Prosa dieses Autors und insbesondere dieses Werk, nur um einen „Roman“ im herkömmlichen Sinn handelt es sich nicht. Eine durchgezogene Handlung mit einem Ensemble psychologisch abgerundeter Figuren sollte man nicht erwarten, sonst wird die Lektüre zur Verlustanzeige.

          Selbsterfahrung in Grenzsituationen

          Es beginnt autobiographisch. Aus Anlass des ersten Jahrestages seiner Scheidung reist Buch mit seiner Ex-Frau Judith nach Südfrankreich, um ein Erinnerungsgelände zu begehen: das Kloster Sainte Baume, wo er vor einem halben Jahrhundert Internatsschüler war. Bei Sanary-sur-Mer schwimmt er mit Taucherbrille ums Cap Nègre, dorthin, wo das Wasser sehr tief wird – und hat ein unheimliches Erlebnis: „Ein rasch größer werdender Schatten“ breitet sich unter ihm aus. „Panik ergriff ihn, als er den stahlgrauen Rumpf eines U-Boots unter sich hinweggleiten sah.“ Eine starke, symbolkräftige Szene. Ungetüme der Tiefe ziehen diesen Autor in den Bann.

          Auf seinen Reisen sammelt er süchtig Schnappschüsse des Verfalls, der Verkommenheit, der Kriegszerstörung und Verwesung. Der Besuch im erdbebenzerstörten Haiti hat da einiges zu bieten: die Schutthalden von Port-au-Prince, zerknickte Betonwände, bettelnde Kinder, Leichengeruch, Voodoo-Zeremonien mit Baron Samedi, dem Totengott. Der „Untergang des Hauses Buch“ wird beschworen. In die verlassene Apotheke des Großvaters führt eine Blutspur; drinnen „ein Sterbender, der seine aus dem Bauch hervorquellenden Eingeweide wie ein Paket in den Händen hielt und kaum hörbar röchelte“. Fluchtartig verlässt der Autor das modrige Gebäude: Haiti, „der beste Albtraum der Welt“.

          Es geht Buch bei seinen Reisen immer auch um die Selbsterfahrung und Vitalisierung in Grenzsituationen. Er bekennt sich zur voyeuristischen Faszination durch Gewalt. Und zu gelegentlichen Grenzen der Anteilnahme. Unvergessen, wie er im Essayband „Blut im Schuh“ von seinem Besuch in einem algerischen Dorf berichtet. Dort sind soeben 150 Menschen massakriert worden; Buch aber ist mit seiner triefenden Nase beschäftigt. Mit Schrecken nimmt er wahr, dass ihm die Papiertaschentücher ausgehen.

          Gelehrsamkeit und Selbstinszenierung

          „Baron Samstag“ ist einmal mehr geprägt von Buchs „Zitierwut“. Es dürfte wenige Menschen geben, bei denen das Literaturwissen dermaßen den Alltag durchdringt. „Judith hatte sich darüber mokiert, dass er statt aus Blutgefäßen und Nerven nur aus Zitaten bestünde, um sich auf alles und jedes einen Reim zu machen.“ Es ist ein Zirkel: Die abenteuerlichen Reisen sind notwendig, um der gelehrten Sterilität zu entkommen. Unterwegs aber wappnet sich der Autor mit einer Schutzschicht melancholischer Bildungsbürgerlichkeit. Für alle Schrecken, die ihm begegnen, hat er Assoziationen, Verse und Formeln aus dem inneren Archiv parat.

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