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Handys auf Konzerten : Kate Bushs Bitte

  • -Aktualisiert am

Bittet die Fans vor ihrem Bühnen-Comeback, Smartphones und Tablets in der Tasche zu lassen: Kate Bush Bild: dpa

Gesucht: Ästhetische Erfahrung, die keiner filmt. Der Smartphone-Filmwahn bei Konzerten kann im Dunkeln ein Lichtermeer bescheren - ist meist aber nur nervig und ohne jeden Nutzen.

          Ein kleines Club-Konzert mit intimer Atmosphäre: Die junge Sängerin tritt an den Bühnenrand, um ein Lied ohne Band zu spielen, nur sie mit ihrer Gitarre. Ein dicker Mann in der ersten Reihe zückt sein Smartphone und filmt sie aus nächster Nähe, als wäre sie ein Stück Fleisch. Die Sängerin bemerkt die Verfolgung durch die Kamera – wie könnte sie nicht? –, enthält sich aber eines Kommentars. Der Mann filmt stoisch. Als das Lied vorbei ist, sieht die Sängerin sehr mitgenommen aus. Und jeder, der sich auf ein schönes Konzert gefreut hatte, bekommt stattdessen gleich zwei enttäuschende Eindrücke: den einer genervten Künstlerin und den eines Voyeurs von trauriger Gestalt, der immer das Beste verpasst.

          Am nächsten Tag stellt der Mann ein verwackeltes Video mit schlechtem Ton ins Netz. Wer hat von dieser traurigen Episode eigentlich irgendeinen Gewinn? Künstler sind heute gezwungen, irgendwie mit dem Smartphone-Filmwahn der Zuschauer umzugehen. Entweder sie umarmen den Trend (bei Rap-Konzerten etwa kommt sogar oft schon der Befehl von der Bühne: Holt eure Kameras raus!), oder sie stellen sich gegen ihn, laufen dabei allerdings Gefahr, ihre eigenen Fans zu verprellen. Solche wie die junge, noch nicht sehr bekannte Sängerin gehen dieses Risiko meist eher nicht ein und schweigen lieber. Manche versuchen ihre Fans vorsichtig zu erziehen: durch ironische Kommentare oder indem sie ihnen das Handy mal kurz wegnehmen. Schade, wenn so aus Konzerten Schulstunden werden.

          Aber selbst für die Stars ist es angesichts der von vielen schon als ihr Recht empfundenen Sitte, alle bei allem zu filmen, inzwischen mutig, einmal etwas dagegen zu sagen. Kate Bush hat das nun getan. „Es würde mir viel bedeuten“, schreibt die Sängerin auf ihrer Website im Vorgriff auf Konzerte in London, bei denen sie nach 35 Jahren zum ersten Mal wieder auf der Bühne stehen wird, „wenn die Leute ihre Telefone, Kameras und Tablets nicht benutzen und einfach die Musik genießen könnten.“ Es ist ja mittlerweile schon fast langweilig, das Argument mit dem Genießen des Moments immer wieder anführen zu müssen, aber schlechter wird es dadurch nicht.

          Und es wird zunehmend paradoxer, wie gerade bei Konzerten mit Popmusik, die ständig vom Genießen des Moments handelt, ebendies kaum noch möglich ist. Der Normalfall ist längst, dass man die Unmittelbarkeit, die man von einem Live-Konzert erwartet, gar nicht mehr erlebt, weil sich lauter Displays vor die Wirklichkeit schieben. Bezeichnend ist an Bushs Statement noch ein Satz: „I know it’s a lot to ask“, fügt sie ihrer Bitte höflich hinzu. Es ist heute schon eine große Sache, das eigentlich Selbstverständliche einzufordern.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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