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„Handy-Spanner“ : Die nackte Unwahrheit

  • -Aktualisiert am

Seit zwei Monaten geistern die Foto-Handys jetzt als neues Voyeur-Gerät durch den Boulevard. Viel Lärm um nichts, wie ein Blick in die Runde, das Freibad und das Internet zeigt.

          "Ein Gespenst geht um in Deutschland", hat Ulrich Meyer gesagt und eins dieser neumodischen Foto-Handys in die Fernsehkamera gehalten. Es war Mitte Juni bei 26 Grad im Schatten, und wenige Tage zuvor hatte "Bild" auf Seite 5 eine kleine Meldung abgedruckt: "Handy-Spanner im Freibad!"

          "Alarm: Jetzt kommen die Spanner mit Handy", meldet kurz darauf die Deutsche Presseagentur. "Vorsicht! Gemeine ,Handy-Spanner' sind auf der Jagd", schreibt der "Berliner Kurier". Die "Rhein-Zeitung" in Koblenz, die "Allgemeine Zeitung" in Mainz und die "Dresdner Neuesten Nachrichten" warnen ihre Leser vor den "Handy-Paparazzi" - jenen "triebgesteuerten Voyeuren" also, die ihre nagelneuen Mobiltelefone mit eingebauter Digitalkamera "mißbrauchen", um von "ahnungslosen Opfern" "unentdeckt" "schamverletzende Fotos" zu machen.

          Anschauliche Illustrationsmöglichkeiten

          "Sie lauern überall", raunt der Internetanbieter freenet - und die österreichische "Kronenzeitung" faßt zusammen: "Ohne ihr Wissen oder Zustimmung werden Bikini-Mädchen gnadenlos abfotografiert, Sekunden später sind die Bilder zu zentralen Voyeur-Seiten im Internet geschickt, wo sie gegen Bares der lüsternen Kundschaft zum Kauf angeboten werden."

          Der Dreiklang aus neuester Technik, nackter Haut und blankem Entsetzen hatte die Berichterstatter über Nacht zu intimen Kennern eines schlüpfrigen Milieus gemacht, wo mit dem hübschen Kamera-Handy beileibe nicht nur die eigenen Freunde (oder Füße) fotografiert werden. Mit seinen anschaulichen Illustrationsmöglichkeiten war das Thema auch für das Fernsehen ein Muß. Ulrich "Infokompetenz" Meyer versprach den Zuschauern in seinem Sat.1-Trendmagazin "Akte" einen "Sommer der heimlichen Schnappschüsse".

          Erfolglose Recherche: dann eben ohne Beleg

          Inzwischen ist es August geworden, aber die Dunkelziffer der sogenannten Handy-Spanner liegt bei konstant 100 Prozent. "Wir haben keinerlei Anzeigen vorliegen", sagt die Polizei in Frankfurt/Main ebenso wie die in Frankfurt/Oder. Paderborn? "Gar keine." München? "Null." Wenigstens in der Hauptstadt? Bisher, sagt Polizeisprecherin Gabriele Rapsch, seien in Berlin, was Foto-Handys anbelangt, "weder Verstöße gegen das Recht am eigenen Bild noch sexuelle Belästigung" angezeigt worden.

          Auch bei den Betreibern der Badeanstalten zuckt man mit den Schultern: "Wir haben damit keine Probleme", sagt Klaus Schulze von den Berliner Bäderbetrieben. "Keinen konkreten Fall" kennt man bei den Stadtwerken München und beim Bäderland in Hamburg. Außerdem sagt Bäderland-Sprecherin Kirsten Morisse noch: "Das Thema hat eigentlich die ,Bild'-Zeitung aufgebracht." Unmittelbar vor der ersten "Handy-Spanner"- Meldung habe sich bei ihr ein "Bild"-Mitarbeiter nach etwaigen Voyeur-Vorfällen erkundigt. Erfolglos, versteht sich.

          „Frauen beschweren sich“

          Die Münchner Bäder-Sprecherin Bettina Hess erinnert sich ebenfalls an eine "Bild"- Anfrage - und daran, daß ihr der Journalist erklärt habe, im Sommerloch werde so was "natürlich ein wenig aufgebauscht". Weil aber eine Kopie des fraglichen "Bild"- Artikels auch im Faxgerät des Bundesverbandes Deutscher Schwimmeister und dort alsbald auf der Tagesordung landete, spekulierten die Medien landauf, landab über ein mögliches "Handy-Verbot im Schwimmbad". Sogar der Bundestag, hieß es, berate "derzeit über ein neues Gesetz, mit dessen Hilfe den Handy-Paparazzi das Handwerk gelegt werden soll".

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