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Handy-Downloads : Jedes Tönchen ein Milliönchen

  • -Aktualisiert am

Loft mit Spreeblick Bild: Christian Thiel

Noch nerviger als Klingeltöne ist Klingelton-Werbung. Mit einer Werbestrategie von bislang einmaliger Penetranz erobert die Firma Jamba die Mobiltelefone der Jugend.

          8 Min.

          Sweety ist ein gelbes Wuschelküken mit weißen, feucht glänzenden Riesenaugen. Manchmal fängt sein rechtes Unterlid leicht an zu zittern, was irgendwie mitleiderregend und also total süß aussieht. Zu einer eingängigen, einer sehr, sehr eingängigen Melodie weist Sweety englisch singend darauf hin, daß es zwar klein und süß sein möge, aber wisse, wie man seine Füße bewege. Mehr noch weiß es, wie man Menschen dazu bringt, ein Küken zu hassen, wie noch nie ein Küken gehaßt wurde.

          An einem normalen Tag taucht das computeranimierte Geschöpf etwa einhundertfünfzigmal in den Werbeblöcken von Viva auf. Jeden Tag. Einhundertfünfzigmal. Es bietet sich als Klingelton an, als Logo fürs Mobiltelefon, als Handy-Design, als anderer Klingelton, wieder als ursprünglicher Klingelton, nochmal als Logo, als Handy-Design und überhaupt: als Klingelton. Wenn einmal nicht für Sweety geworben wird, dann für ein anderes der 50.000 Produkte, die die Firma Jamba anbietet, damit die Kinder auf den Schulhöfen täglich mit neuen Gimmicks auf ihren Handys angeben können. Und wenn gerade nicht auf Viva geworben wird, dann auf MTV.

          Täglich laufen allein auf Viva über dreieinhalb Stunden Jamba-Werbung. Viele Blöcke bestehen aus nichts anderem, manche sind fast sieben Minuten lang und enthalten fünfzehn einzelne Spots, jeder mit direkter Kaufaufforderung: "Hol dir jetzt...!" Alle paar Wochen ersetzt ein neuer Spot einen alten, der dann auch tausendfach zu hören ist, zweimal stündlich oder viel häufiger.

          Gründer und Vorstand von Jamba: Oliver und Marc Samwer (r)
          Gründer und Vorstand von Jamba: Oliver und Marc Samwer (r) : Bild: Christian Thiel

          Die Klingeltonindustrie hat es geschafft, etwas zu erfinden, das noch nerviger ist als Klingeltöne: Werbung für Klingeltöne. Und die Berliner Firma Jamba arbeitet daran, daß das Wort "Klingeltonindustrie" identisch wird mit dem Wort "Jamba!". Mit einer einzigartigen Aggressivität drängt sie in die Mobiltelefone der Jugendlichen und fährt eine Werbestrategie von bisher einmaliger Penetranz. Bei ihrem Wachstumsdrang bleibt einiges auf der Strecke - nicht nur das Musikfernsehen, das bei einigen schon nur noch "Jamba-TV" heißt.

          Die Fabrik

          Die Klingeltonfabrik steht in Kreuzberg. Früher war dies eine Getreidefabrik, heute führt ein karger Treppenaufgang in endlose Hallen mit langen Tischreihen, auf denen dicht an dicht Computer stehen. Vor jedem sitzt ein junger Mensch, oft mit Kopfhörer. In einem Spind liegen Hunderte verschiedene Handymodelle zum Testen neuer Software. Repräsentativ ist hier nur der grandiose Spreeblick. Und natürlich die Masse an Arbeitern. Die Räume strahlen etwas von dem Dauerprovisorium einer kleinen Hinterhofagentur aus, deren Charme allerdings verlorenging, als der Laden mal eben seine Größe verzehnfachte. 480 Mitarbeiter drängen sich auf inzwischen drei Etagen. Immer neue Räume werden erobert, jeder weitere sieht aus wie die alten: noch mehr enge Reihen von Tischen, Computern, Arbeitern. Die Jamba-Zentrale hat nichts von den Vorzeigeunternehmen der früheren New Economy, die glaubten, es lohne sich, die Räume, in denen man so viel Zeit verbringt, zu Orten zu machen, an denen man sich gerne aufhalten mag. Es ist leicht, sich auf den Arbeitstischen Nähmaschinen statt Computer vorzustellen, und plötzlich wirkt die junge Firma wie eine ganz alte Fabrik.

          Wir sitzen im zugigen Flur im Eingangsbereich, der gleichzeitig der Ort für Besprechungen zu sein scheint, und Tilo Bonow, der smarte junge Unternehmenssprecher, sagt, er freue sich immer, wenn Leute vorbeikommen und er ihnen zeigen kann, wie angenehm die Arbeitsatmosphäre sei. Aber Bonow sagt ja auch, daß er nicht glaube, daß sich irgend jemand von der Jamba-Werbung genervt fühlen könnte. Und daß Jamba ein offenes Unternehmen sei. (Es stellt sich heraus, daß man einen Fotografen vorbeischicken darf, die Firma aber jedes Bild vorher sehen und genehmigen will.)

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