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Handelsblatt-Vorstand Gabor Steingart im Gespräch : Die algorithmischen Armleuchter

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Einmal ein Buch über Rosenzucht verschenkt – es ist nie wiedergutzumachen: Gabor Steingart wird von Amazon jetzt für einen Rosenfetischisten gehalten Bild: Eilmes, Wolfgang

Wer hat uns die Krise eingebrockt? Waren es Computerprogramme, die die Finanzpolitik nach derselben Logik beeinflussen, mit der Amazon Bücher empfiehlt? Unser Sommer-Gesprächspartner meint: „Die Marktwirtschaft ist unschuldig, die wurde selbst geschändet.“

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          Ich habe Ihr Buch „Unser Wohlstand und seine Feinde“ gelesen: Kritik ist das eine. Aber geht es nicht um Revision? Bedarf es nicht einer Revision der Grundlagen dieser neuen Finanzökonomie?

          Das Versagen, das wir erlebt haben und weiter erleben, ist nicht allein das Versagen der Finanzmärkte oder der Banken, sondern, größer noch, das Versagen einer Beziehung. Staat und Bankenindustrie gemeinsam haben die Zustände herbeigeführt, an denen alle westlichen Gesellschaften heute leiden. Es kam, um in der Sprache des Evolutionsforschers Charles Darwin zu sprechen, zu einer Entartung. Der Staat sollte die Banken beaufsichtigen - doch er ist mit ihnen eine intime Beziehung eingegangen. Die Notenbanken sollten unsere Währung stabil halten - nun retten sie private Banken. Die privaten Banken sollen unsere Volkswirtschaft mit Geld versorgen - doch sie eröffneten außerhalb der Realwirtschaft einen Casinobetrieb. So wurden durch bewusste politische Entscheidungen Risiko und Verantwortung entkoppelt und die Regeln der Marktwirtschaft außer Kraft gesetzt.

          Welche Entscheidungen meinen Sie?

          Als die Wachstumsraten aller westlichen Staaten in den siebziger Jahren abflachten, begann man damit, Wohlstand an den Kapitalmärkten dazuzukaufen. Es war eine Verschwörung ohne Verschwörungstheorie. Ein Angriff ohne Angriffsplan mit dem nie erklärten und gleichwohl konsequent verfolgten Ziel, den echten Wohlstand durch ein synthetisches Produkt, das auf den Namen „Kredit“ hört, zu ersetzen. Getrieben von der Gier nach Gegenwart, hat man so in Amerika aus dem Nichts einen Immobilienboom entfacht. Die Märkte haben sich allerdings nicht selbst entfesselt. In diesem Fall war es Präsident Bill Clinton, der die bis dahin gültige konservative Kreditvergabe suspendierte.

          Das ist ja unbestritten. Nur wie ist es möglich, dass ein System dann so schnell zusammenbricht?

          Ein Ökonomieprofessor hat in der Anhörung vor dem amerikanischen Senat gesagt: Nichts von dem, was wir gesehen haben, war neu; alles war bekannt. Die schiere Größe der Operationen hat die Katastrophe verursacht. Die synthetische Erzeugung von Wohlstand hat im Echtzeitexperiment nicht funktioniert.

          Das Beunruhigende war doch, dass wir inmitten der Krise erleben, dass der Staat gar nicht mehr in der Lage ist, politische Entscheidungen zu treffen und aus diesem System, dieser Krise einen Ausweg zu finden. Sind es wirklich klassische „Märkte“, auf die der Staat oder die Gesellschaften reagieren, wenn auf der anderen Seite automatisierte Hochfrequenzmaschinen operieren?

          Aber ist das wirklich die Ursache dieser Permanenz von Retten und Gerettetwerden? Sind nicht die Hochfrequenzhändler und die Hedgefonds eher Statisten in diesem Spiel? Auch wenn diese bildungsfernen Schichten in den Händlerräumen und den Wettbüros der Banken ärgerliche und zuweilen sogar düstere Statisten sind, so sind sie eben doch Randfiguren des Geschehens. Der große Spieler auf der Bühne des Krisentheaters ist die aus hybriden Verhältnissen entschlüpfte Bastardökonomie, ein staatlich-finanzindustrieller Komplex, der die Marktwirtschaft verformt und den Wohlstand der Nationen schmälert. Ludwig Erhard wurde ermordet, und an seiner Stelle wurde eine die Gesetze der Marktwirtschaft verletzende Doppelherrschaft von Regierung und Banken installiert.

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