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Reihe „Mein Fenster zur Welt“ : Zwei Süchte wurden von mir ferngehalten

  • -Aktualisiert am

Mit innerer Distanz und Abgrenzung gegen den Koller: Han Dong blickt nach draußen. Bild: Privat

Ein Verwandtenbesuch in Hubei mit schlimmen Folgen: Der Schriftsteller Han Dong erinnert sich an eine sechswöchige Quarantäne im Hotelzimmer, allein mit seiner Frau und ausgeschalteter Luftzirkulation.

          3 Min.

          Ich war noch nie auf solche Weise mit einem Menschen zusammen, 24 Stunden am Tag, keine einzige Sekunde von ihm abgewandt, ununterbrochene sechzig Tage lang, und zwar eingesperrt in einem Zimmer mit weniger als dreißig Quadratmetern, wenn man das Bad nicht mitrechnet. Am 21. Januar waren meine Frau und ich zu einem Verwandtenbesuch in die Provinz Hubei gefahren. Kurz darauf wurden alle Ortschaften der Provinz wegen der Epidemie abgeriegelt. Und auf der Stelle wurden wir in unserem Hotelzimmer isoliert.

          Der Buddhismus spricht von acht Leiden, von denen eines darin besteht, dass Menschen miteinander leben müssen, die sich hassen. Ob es sich beim eigenen Fall um ein solches Leiden handelt, zeigt sich erst im Nachhinein. Der beengte Raum und die lange Zeit sind voller Gefahren, besonders unter nahestehenden Menschen. Wenn ein Ehepaar normalerweise miteinander streitet, kann der eine oder die andere einfach die Tür hinter sich zumachen und weggehen oder höflich sagen: „Ich möchte allein sein, lass mich bitte in Ruhe“. Aber jetzt gibt es solche Möglichkeiten nicht. Vor der Tür stehen Leute mit einer Tuchbinde am Ärmel, die aufpassen, dass niemand seinen Ort verlässt. Auch wenn man die Kraft hätte, die Scheibe einzuschlagen und aus dem Fenster zu springen, so wäre doch mit der Höhe des achten Stocks nicht zu spaßen.

          Ganz wichtig wird jetzt innere Distanz und Abgrenzung. Meine Frau und ich sind noch nie so vernünftig, zurückhaltend, bescheiden und zuvorkommend gewesen wie in diesen sechzig Tagen, wir haben die höchste Stufe des Zusammenseins eines Ehepaars im traditionellen Sinn – „sich gegenseitig wie Gäste verehren“ – praktiziert, wozu wir uns gegenseitig beglückwünschten. Darüber hinaus ist in unsere Beziehung noch eine besondere Art Freundschaft gekommen, die derjenigen gleicht, die Gefängnisinsassen untereinander pflegen. Damit hätten wir vorher nicht rechnen können.

          Menschenlos, wie leergefegt

          Das Gute war, dass das Zimmer ein großes Fenster hatte, fast so groß wie die Wand. Obwohl das Fenster nicht ganz zu öffnen war, so hatte man doch ein weites Blickfeld. Draußen sah man auf die Einfahrt vor der Hoteltür, dann kamen die Straßen; Baustellen und Felder tauchten auf, noch ferner lagen Fabrikhallen und Wohnblocks. Am Horizont ragten Berge auf. Das Ganze war wie ein leerer Spiegel, kein Mensch, kein Auto, nicht einmal ein Windhauch zeigten sich. Ein paar Mal schlenderten wilde Hunde großtuerisch auf den Straßen herum, als wären sie eigens für sie gebaut worden. Einmal sah ich zwei Menschen mitten in den Feldern arbeiten, ich war so überrascht und beeindruckt, als wären es Menschen aus einer alten Zeit, aus einem Jenseits, das von Ausgangssperren noch nichts ahnte.

          Nicht nur ich sah jeden Tag dieses Bild der Leere. So sah es in allen chinesischen Städten, Gemeinden und Dörfern aus: menschenlos, wie leergefegt, sauber wie das Weiß auf schneebedeckter Erde. Wahrscheinlich boten alle Fenster dieses Bild; die Fotos und Videos im Internet zeugten davon. Die Leere war ein gigantisches Blickfeld, das es vorher noch nie gegeben hatte. Ergebnis einer Strategie der Leere, die der Logik folgt: Ein gespenstisches Virus rastet draußen aus, na und, was kann es mir anhaben?

          Tristesse Royale: Blick aus dem Fenster jenes Hotelzimmers, in dem Han Dong seine Quarantäne verbrachte.

          Was mir am meisten zu schaffen machte, war, dass ich nicht rauchen durfte. Denn der Raum war begrenzt, die Luftzirkulationsmaschine war eingeschaltet, um die Verbreitung der Schwebeteilchen des Virus zu unterbinden. An zweiter Stelle kam, dass ich nicht schreiben konnte, mir war nicht danach zumute. Zwei Dinge, nach denen ich süchtig bin, wurden einfach von mir ferngehalten, ich verbrachte den Tag mit dem Lesen von Nachrichten am Handy. Drei Mahlzeiten wurden vom Hotel ins Zimmer gebracht, wir aßen flüchtig etwas davon.

          Zweimal täglich musste man am Vormittag und am Nachmittag die Temperatur messen. Es hieß, wenn man an vierzehn aufeinanderfolgenden Tagen normale Temperatur hat, dann ist man gesund. Wir haben dreimal vierzehn Tage damit verbracht, immer weiter zu messen. Obwohl das eine groteske Tätigkeit war, war sie doch bei meiner Frau und mir beliebt, weil eine gewisse Regelhaftigkeit das Leben jetzt beruhigte. Die Wahrnehmung der Zeit veränderte sich, manchmal schien sie schneller, manchmal langsamer abzulaufen. Wenn ich „schnell“ sage, dann meine ich, dass ein Tag schnell vergangen ist, weil es keinerlei Neuigkeiten oder Erwähnenswertes gab. Wenn ich „langsam“ sage, dann bezieht sich das auf die Erwartung des Tages der Aufhebung der Sperre, der nicht vorauszusehen war. Wann wird es zu Ende sein? Schnelligkeit von Anfang bis Ende, Langsamkeit ohne Anfang ohne Ende.

          Passanten ohne Mundschutz

          Eines Tages sagte mir meine Frau, dass die Rapsblumen aufblühen. Ist das nicht wahr: glänzend gelbe Felder, die Winterlandschaft hat sich in Frühling verwandelt. Einen Tag später hörte ich beim Meditieren am Abend Mücken summen, und ich dachte, das kann nicht sein, es sind sicher Fliegen. Am Tag danach erzählte mir meine Frau, dass sie in der Nacht von Mücken gestochen worden war und deshalb nicht gut geschlafen hatte. Mücken im März, unfassbar. Danach kamen Fliegen und Bienen, immer neue kleine Insekten. Wir töteten sie nicht, es war nicht einfach, sie zu fangen und aus dem Fenster zu lassen. Zum Glück hatten wir viel Zeit.

          Draußen am Hoteleingang zeigten sich außer Sicherheitsleuten in Uniform nun ab und zu auch vereinzelte Passanten, manche trugen nicht einmal Mundschutz. Sie spazierten und taten nichts – was bei uns ein Ungerechtigkeitsgefühl auslöste: Verstehen sie die Regeln nicht? Mit welchem Recht gehen sie nach draußen? Haben sie eine Genehmigung? Plötzlich wurde mir bewusst, wie verdreht ich wegen der Sperre schon geworden bin. Sich frei auf der Erde unterm Himmel zu bewegen ist doch das angeborene Recht jedes Menschen.

          Als ich so dachte, überkam mich ein Schweißausbruch.

          Aus dem Chinesischen von Gao Hong.

          Han Dong, geboren 1961, lebt in Nanjing.

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