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Bordone und Tizian in Hamburg : Dieses Leuchten unter der Haut

Er galt lange Zeit als Zweitligist der venezianischen Malerei. Die Hamburger Kunsthalle will dieses Bild korrigieren und zeigt das Werk des Malers Paris Bordone – im Kreis seiner Kollegen.

          3 Min.

          Paris Bordone war ein Maler der Haut. Oder vielleicht müsste man medizinisch präziser sagen: ein Maler der Durchblutung. Wo sich auf die Gesichter seines Lehrers Tizian ein allenfalls warmes Sfumato legt, ganz so, als sei ein eleganter warmer Nebel aus der Lagune durch die Paläste und über die Körper gezogen, da zeigen Bordones Figuren Zustände großer Erregung und religiöser Ekstase vor allem über ein heftiges Flackern der Haut. Diese meist weiße Haut ist nicht sanft errötet, sie ist bisweilen an der Grenze zum dermatologisch Bedenklichen fleckig, schwitzig, tief rot glühend wie nach einem Nachmittag in der Nähe eines offenen Feuers.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Bordone war ein Maler des Moments – wobei die heftige, plötzliche Durchblutung, der Augenblick, in dem etwa Io oder Apoll das Blut in den Kopf schießt, das Momentaufnahmenhafte und Wilde dieser Bilder noch verstärkt: Apoll steht, im Leopardenfell, selbst fast ein Raubtier, zwischen Marsyas und Midas. Nur selten findet man so massive Errötungen bei anderen Malern, vielleicht noch in dem Tizian zugeschriebenen Porträt seiner eigenen Tochter Lavinia, das aus Dresden nach Hamburg entliehen wurde.

          In den vergangenen Jahren hat sich die Forschung eingehender mit den Qualitäten Bordones befasst, der Kunsthistoriker Frank Fehrenbach etwa analysierte die verschiedenen Formen von Errötung der Haut, auch die politische Rolle von Bordones Bildern im von großen Umwälzungen und politischen Katastrophen heimgesuchten Frankreich unter dem Kunstmäzen und Humanisten Franz I. wurde eingehend untersucht. Dennoch bleiben viele ikonographische Rätsel.

          Man kann in Bordones Werken einen Spiegel der Unruhe sehen, die Venedig im sechzehnten Jahrhundert ergriffen hatte und prägte. Die Stadt war einerseits zum Zentrum des internationalen Seehandels aufgestiegen, viele ihrer Bürger hatten enorme Reichtümer angehäuft und förderten die Künste. Giorgione und Tizian, Lorenzo Lotto und Palma il Vecchio schufen die Werke, in denen Venedigs Patrizier sich selbst darstellten und von Klerus und Adel absetzten. Und so wie in der Literatur die Liebeslyrik eine neue Blüte erfuhr, tauchten hedonistische Themen in der säkularen Malerei ebenso auf wie psychologische Porträts, die nicht nur den Status, sondern den Gemütszustand und die Charaktereigenschaften der Porträtierten zu fassen versuchen.

          Figurenkompositionen von Giorgione oder Palma ausgeschlachtet

          Diese Malerei des Inneren prägt auch die Porträts, mit denen sich Bordone als Auftragsmaler einen Namen machte. Geboren um 1500 in Treviso, lernte Bordone, wenn man seinem Biographen Vasari trauen darf, kurz und unglücklich sein Handwerk bei Tizian, dessen venezianisches Sfumato er nicht nur nachzuahmen versuchte, sondern ins dunkel Manieristische abwandelte. In der Folge schuf Bordone viele sakrale Auftragswerke, etwa die Heilige Familie, die heute in Florenz ist, oder den heiligen Ambrosius mit einem Stifter, der in Mailand ausgestellt ist – Werke, die ihm bald den Ruf einhandelten, ein erfolgreicher, aber intellektuell wenig ambitionierter Auftragsmaler zu sein, der sich damit begnügt, in seinen Bildern Figurenkompositionen von Giorgione oder Palma für die Darstellungsbedürfnisse seiner wohlhabenden Auftraggeber auszuschlachten.

          Dass Bordone lange als Zweitligist der venezianischen Malerei galt, liegt aber auch daran, dass viele seiner Werke verlorengingen: die Fresken in Venedig, Treviso und Vicenza, die Arbeiten für die Augsburger Fugger oder die Porträts, die er malte, nachdem er 1538 von Franz I. nach Frankreich berufen wurde; die zwei Bordones, die dem Louvre gehören, wurden später erworben. Die von Sandra Pisot überzeugend kuratierte Hamburger Ausstellung ist eine der ersten seit langem, die einen neuen Blick auf Bordone versuchen. Dass sie den Namen des Malers in den Untertitel der Ausstellung verbannt und stattdessen „Die Poesie der venezianischen Malerei“ bewirbt, mag man als mangelndes Vertrauen in den Namen Bordone interpretieren.

          Bissig und dunkel

          Man kann darin aber auch einen Versuch sehen, diesen Maler als jemanden zu präsentieren, der in seiner Kunst mehr als andere eine sehr spezielle historische Situation erfasst hat, die durchaus Parallelen zur aktuellen Situation der Mittelmeerstaaten heute ausweist. Venedig war eine von Zuwanderern und internationalem Handel geprägte Metropole – in der es zu einer enormen wirtschaftlichen und kulturellen Blüte, aber immer wieder auch zu Epidemien und Seuchen kam. Menschen starben an der Pest, die Lebenserwartung war niedrig, die meisten Kinder erreichten das Erwachsenenalter nicht.

          Das Rissige und Dunkle von Paris Bordones Malerei, deren Sfumato manchmal durchweht scheint vom Modrigen und Nebligen der Lagune, wirkt oft wie ein Echo dieser gefährdeten Blüte Venedigs. Selbst die Natur in seinen Bildern verhält sich schockhaft bedrohlich zu den geordneten Räumen von Kultur und Architektur. Bei Bordone findet man nur selten ruhige Übergänge – die Natur kracht auf die Kanten der Zivilisation wie Wellen auf einen Strand: In der „Bathseba am Brunnen“ aus dem Jahr 1552 hat die im Hintergrund unter dramatischen schwergrauen Wolken heranbrandende Vegetation schon einen Kuppelbau umwuchert und stürzt sich auf die geometrischen Grünanlagen, und der Wind zerrt den Wasserstrahl des Brunnens in unvorhersehbare Richtungen. Die Natur spielt das kommende Drama der Bathseba vor.

          Auch vor dem „Jungen Mann am Brunnen“ greift die wilde Natur nach den geometrischen Fliesen: Vieles in den nur scheinbar elegischen Landschaftsszenen und Porträts kündet von Tumult und Aufwallung. Die Räume, in denen Bordone seine Figuren auftreten lässt, sind ebenfalls manieriert und phantasmagorisch – es sind leere, sich endlos in die Tiefe des Raums faltende Loggien, in denen Späher und Spanner ein Gefühl von Ausweglosigkeit, Überwachung und Unheil verbreiten – und in denen Piranesi und de Chirico einen frühen, dunklen Vorläufer finden.

          Katalog zur Ausstellung

          Die Poesie der venezianischen Malerei – Paris Bordone, Palma il Vecchio, Lorenzo Lotto, Tizian. In der Hamburger Kunsthalle; bis zum 21. Mai. Der Katalog kostet 45 Euro.

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