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Hamburg : Die "Troubadoure der Liebe Gottes" kommen

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Bruder Roger, Gründer der Gemeinschaft von Taize Bild: dpa/dpaweb

Zum Jugendtreffen der Bruderschaft von Taize erwartet Hamburg 50.000 Besucher aus ganz Europa. Nicht als spektakuläres Event, sondern als gemeinsam gelebter Alltag sollen die Tage den Teilnehmern in Erinnerung bleiben.

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          Er kommt mit dem Fahrrad. Die Wollmütze tief in die Stirn gezogen, bremst Bruder Sebastian hart neben der Hauptkirche St. Petri und schlüpft durch den Seiteneingang in das Gotteshaus. Er hat es eilig - wie alle in diesen Tagen, die das 26. Europäische Jugendtreffen der ökumenischen Bruderschaft von Taize vorbereiten. Trotzdem kommt es für den holländischen Bruder nicht in Frage, den wichtigsten Termin des Tages zu verpassen: das Mittagsgebet. Auch wenn an diesem Tag noch ein Truck mit den Dekorationen für die Messehallen erwartet wird. Und am Montag 50.000 Jugendliche aus ganz Europa.

          Gemeinsam mit dem Senat der Hansestadt haben die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Landeskirche und das Erzbistum Hamburg die Brüder von Taize eingeladen, ihr diesjähriges Jugendtreffen an der Alster zu veranstalten. Die Treffen finden immer zum Jahreswechsel in einer europäischen Metropole statt. Sie sind Teil des sogenannten "Pilgerwegs des Vertrauens auf der Erde", der von der Communaute de Taize ausgeht; 1940 von Frere Roger in einem kleinen Dorf im französischen Burgund gegründet, umfaßt die ökumenische Gemeinschaft heute 100 Brüder aus 25 Nationen und übt besonders auf Jugendliche eine große Anziehungskraft aus.

          Zweimal täglich Gebete

          Seit September sind einige der Brüder und ihre Helfer nun in der Hansestadt; seitdem versammeln sie sich jeden Tag um 13 Uhr in St.Petri, mitten in der Innenstadt, zum gemeinsamen Gebet. Ole von Beust hat ebenso mit ihnen gesungen wie Einheimische und Touristen, die durch das große Schild vor dem Haupteingang der Kirche aufmerksam geworden sind. Jetzt, so kurz vor dem Treffen, sind es so viele, daß sie in den Bänken kaum Platz finden und einige im Mittelgang auf dem Boden sitzen.

          Von morgen an werden die Gebete dann zweimal täglich in den Messehallen stattfinden und zusammen mit Workshops und Diskussionsrunden die fünf Tage des Treffens prägen. Obgleich die Organisatoren Zehntausende von Teilnehmern erwarten, verstehen sie Völkerverständigung nicht als spektakulären Event, sondern als gemeinsamen Alltag, die Hoffnung machen und Wege aus Entmutigung und Einsamkeit weisen sollen. "Was ihr da sagt, kann das gelebt werden?" fragen die Jugendlichen; deshalb werden jeden Tag in den Gemeinden Aktionen und Projekte vorgestellt, die Bahnhofsmission im Hauptbahnhof und Schwestern von Mutter Teresa in der Hansestadt besucht. "Kirche hat ein Gesicht", sagt Bruder Han Yol, einer der Organisatoren aus Taize.

          Mit Rucksack und Isomatte

          Zwei bekannte Gesichter der Kirche in Norddeutschland, die Bischöfinnen für die Sprengel Hamburg und Holstein-Lübeck, Maria Jepsen und Bärbel Wartenberg-Potter, sitzen derweil in der Turnhalle der Hamburger Wichernschule, zusammen mit den Verantwortlichen der 280 Kirchengemeinden, in denen morgen Jugendliche willkommen geheißen werden. Die "Troubadoure der Liebe Gottes", wie Jepsen sie nennt, erfahren an diesem Tag, wie viele Jungen und Mädchen am Montag mit Rucksack und Isomatte in der Gemeindehaustür stehen werden und welche Sprache sie sprechen.

          Nach Wochen des Werbens ist es gelungen, mehr als 15.000 Privatquartiere zu finden, von Bad Segeberg bis Lüneburg, von Buxtehude bis Lübeck. Die restlichen Teilnehmer werden in Pfarrhäusern, Schulen und Turnhallen übernachten. Deshalb geht Boniface aus Uganda mit der Gruppe, welche sich um die Gemeinschaftsunterkünfte kümmern soll, abermals die "collective accommodation room info forms" durch und bittet, schnell noch ein "meeting with the Hausmeister" auszumachen.

          Neugierig gemacht

          Es hat einiger Mühen, vieler Informationsgespräche und zweier Sonderausgaben der evangelischen und der katholischen Kirchenzeitung bedurft, bis die Hamburger davon überzeugt waren, daß sie Gastgeber für das Jugendtreffen sein wollten. "Viele Gemeinden fallen in diesen Tagen ins Weihnachtskoma und wollen erst an Epiphanie wieder aufwachen", meint Oliver Stabenow, der Schulpastor der Wichernschule. "Doch wir haben es geschafft, sie neugierig auf die Jugendlichen zu machen." Einige Hamburger, die in Urlaub fahren, stellen sogar ihre Wohnungen zur Verfügung.

          "In der vergangenen Woche habe ich in einer Kirchengemeinde erzählt, daß wir dringend noch Helfer suchen, die mit dem Auto Fahrdienste übernehmen können", erzählt Michal aus Polen. "Daraufhin hat mir eine Frau, die mir zuvor schon ihren Wohnungsschlüssel gegeben hatte, auch ihren Autoschlüssel ausgehändigt." Doch auch sie scheint Bruder Sebastian schon beobachtet zu haben; im Weggehen habe sie noch gemurmelt: "Die Brüder haben es ja immer recht eilig. Werden sie auch nicht zu sehr rasen mit dem Wagen?"

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