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Händels „Jephtha“ in Potsdam : In der Winteroper gewesen, geweint

Katja Stuber spielt das Opferlamm in dieser Familienaufstellung à la Harry Potter. Freund Hamor (Magid El-Bushra) kann ihr nicht helfen Bild: Stefan Gloede

Eine sensationelle Produktion in Potsdam, Sanssouci: Händels „Jephtha“, in der Regie von Lydia Steier, dirigiert von Konrad Junghänel, zeigt einen großen Komponisten am Ende seiner Kräfte.

          Mitten in der Arbeit an seinem letzten Oratorium erblindet der alte Mann. Knapp sechsundsechzig ist Georg Friedrich Händel, als ihm, gegen Ende des zweiten Aktes von „Jephtha“, die Augen den Dienst versagen. Er komponiert trotzdem noch diesen gewaltigen Chorsatz der Israeliten fertig, der mit den Worten „How dark, O Lord, are Thy decrees! All hid from mortal sight!“ beginnt. Und dieser c-Moll-Chor mündet, nach beunruhigenden harmonischen Umwegen, plötzlich in eine brutale Dur-Kadenz, die uns wie ein Axthieb trennt von allem, was gut ist: „What ever IS, is RIGHT!“

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Diese Sequenz ist ein Schicksals-Satz, er wird wiederholt, zehn Mal insgesamt. Eine unfassbare Stelle: Wer sie hört, dem bleibt unweigerlich die Luft weg. Vor allem, wenn es so messerscharf musiziert wird wie jetzt von Konrad Junghänel in der Friedenskirche zu Sanssouci bei der neuen „Jephtha“-Produktion der Potsdamer Winteroper. Mit einem Mal wird allen Leuten in der Kirche kalt ums Herz. Man kann sich nicht wehren gegen die Tränen.

          Im Alter nicht gefälliger

          „What ever IS, is RIGHT“ ist ein Zitat, es stammt von Alexander Pope, aus dessen „Essay on Man“. Die Botschaft ist anti-aufklärerisch, nicht umsonst hat sich Voltaire darüber lustig gemacht. Denn hier spricht der totalitäre, alttestamentliche Gott, er fordert bedingungslose Unterwerfung, verlangt Gehorsam, wider eigne Vernunft: „Es ist, wie es ist. Was immer geschieht, ist rechtens.“ Jede Diskussion ist damit beendet, alle Hoffnungen dürfen begraben werden.

          Direkt im Anschluss, zwischen die Zeilen, notierte Händel: „Biss hierher kommen den 13. Febr. 1751/verhindert worden wegen des gesichts meines linken Auges so relaxt“. Dann unterbricht er die Komposition für mehr als drei Monate. Als er im Mai weiterschreibt, mühselig und langsam, ist das linke Auge ganz verloren, auf dem rechten sieht er immer weniger. Es kommt zwar seltener vor, als man landläufig meint, dass die Befindlichkeit eines Komponisten, seine persönlichen Gefühle und Gedanken, sich direkt im Werk niederschlagen.

          In diesem Falle aber ist das so, ganz ohne Zweifel: Händel hat in „Jephtha“ seine eigene Situation komponiert. Man hört es der Musik, die so komprimiert, so karg und stachelig wirkt, so musikrhetorisch unbarmherzig präzise, wie nur je ein Spätwerk, an, dass da einer am Ende ist. Händel kann nicht mehr komponieren. Also ist sein Leben zu Ende, oder vielmehr, er wird, was davon übrig bleibt, im Dunkeln verbringen.

          Ohne Gewalt kommt dieses Stück nicht aus: Schwertkampf auf der langen Tafel

          Nicht nur mit diesem Chorsatz, ebenso in dem Verzweiflungsrezitativ des Jephtha „Deeper and deeper“, das dem unmittelbar vorangeht, aber auch in dem dramatisch kurzen Quartett „O spare your daughter“, in der opfermutig süßen Arie der Iphis und sogar in dem finalen Auftritt des Engels im dritten Akt, der in einer nicht enden wollenden, nervtötend formelhaften Tirade das Gegenteil des Pope-Zitats behauptet, spiegelt sich die Verzweiflung in all ihren Schattierungen.

          Thomas Morells Libretto zu „Jephtha“ sieht, anders als die biblische Geschichte aus dem Buch der Richter, vor, dass der Engel als klassischer Deus ex Machina auftritt und die Wende zum Guten kündet, Glück und Frieden bringt. Händel jedoch hat das so konventionell und flach vertont, dass man diesem verlogenen, Koloraturen sprudelnden Biest von Engel kein Wort glaubt.

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