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Habsburgermonarchie : Die Kunst des Ausgleichs

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Erzherzog Ferdinand Maximilian von Österreich wurde als Sohn von Erzherzog Franz Karl, dem jüngeren Sohn von Kaiser Franz I., und Prinzessin Sophie von Bayern in Wien geboren. Er war der jüngere Bruder von Kaiser Franz Joseph aus dem Haus Habsburg. Bild: Picture-Alliance

Für viele Historiker war die Habsburgermonarchie lange ein Feindbild. Das ändert sich gerade – und damit auch das Bild des „ewigen Kaisers“.

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          Seit April dieses Jahres strömen täglich Tausende Touristen aus aller Welt zum Schloss Schönbrunn und in die Österreichische Nationalbibliothek. Sie besuchen Ausstellungen anlässlich des hundertsten Todestages Kaiser Franz Josephs I. am 21. November. Immer noch ist der oft porträtierte und fotografierte Kaiser und König mit seinen achtundsechzig Regierungsjahren der Monarch, der in Europa am längsten herrschte. Nicht nur Historiker und Politiker fasziniert bis heute, wie Franz Joseph ein Reich von 676.000 Quadratkilometern mit mehr als einundfünfzig Millionen Einwohnern, in dem Angehörige von elf Nationalitäten (Deutsche, Magyaren, Tschechen, Polen, Ruthenen, Rumänen, Kroaten, Serben, Slowaken, Slowenen und Italiener) mit sieben Konfessionen (römische und unierte Katholiken, calvinische und lutherische Protestanten, Orthodoxe, Juden und Muslime) lebten, relativ friedlich regieren konnte.

          Erstaunlicherweise hat die Beschäftigung mit dem „ewigen Kaiser“ und seinem Reich in den letzten Jahrzehnten wieder stark zugenommen - nicht nur in Österreich und den anderen Nachfolgestaaten, sondern vor allem in den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich und Italien. Der Anfang seiner Regierungszeit am 2. Dezember 1848 war von Revolutionen geprägt. Die Wiener Oktoberrevolution war zwar bereits unterdrückt, aber Ungarn und Oberitalien befanden sich im Aufstand. Daher rieten die Minister und Generäle zur Auflösung des Parlaments und zu absoluter Herrschaft. In Oberitalien setzte sich Feldmarschall Radetzky durch, in Ungarn benötigte der junge Kaiser die Hilfe des Zaren und seiner Armee. Das „neoabsolutistische“ Regime des bürgerlichen Innenministers Bach betrieb nun - entgegen den zeitgenössischen Tendenzen des Liberalismus und Nationalismus - eine „Revolution von oben“, die eine umfassende Modernisierung der Verwaltung und des Unterrichtswesens durchführte sowie die für die Bauern wichtige Grundentlastung.

          Handels- und Finanzminister Bruck fasste die Gesamtmonarchie zu einem Zollgebiet zusammen, förderte den Eisenbahnbau und unterstützte 1855 die Gründung der „Österreichischen Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe“. Als Gegenmodell zum Deutschen Zollverein entwickelte er den Mitteleuropa-Plan eines „Reichs der 70 Millionen“. Durch das Konkordat von 1855 erhielt das österreichische Kaisertum eine neue Legitimation als „katholische Großmacht“.

          Kaisertum im Zweifrontenkrieg

          Aber das absolutistische Regime hinterließ mit seiner kostspieligen Großmachtpolitik im Krimkrieg und im Krieg in Oberitalien 1859 eine Staatsschuld von drei Milliarden Gulden. Franz Joseph verlor nicht nur seine Vorherrschaft in Italien, sondern benötigte jetzt die österreichischen und ungarischen Liberalen für eine Sanierung der Staatsfinanzen. So setzte Staatsminister Schmerling mit dem Februarpatent 1861 ein Grundgesetz über die Reichsvertretung und je eine Landesordnung für die siebzehn nichtungarischen Kronländer durch. Als aber der preußische Ministerpräsident Fürst Bismarck auf einen Konflikt um die Vormacht in Deutschland zusteuerte und ein geheimes Angriffsbündnis mit Italien schloss, stand das Kaisertum in einem Zweifrontenkrieg. Obwohl die österreichischen Waffen in Oberitalien und in der Adria siegten, musste Franz Joseph Frieden schließen, da die österreichische Nordarmee am 3. Juli 1866 mit der Schlacht bei Königgrätz auch den „Kampf um Deutschland“ verlor.

          Jetzt suchte der Kaiser - unterstützt von seiner Gemahlin Elisabeth - einen Kompromiss mit dem ungarischen Reichstag, und beide wurden in Budapest mit der Stephanskrone gekrönt. Österreich-Ungarn wurde mit dem „Ausgleich“ von 1867 eine Doppelmonarchie, bestehend aus zwei Teilstaaten mit eigenen Verfassungen, Regierungen und Parlamenten, einem gemeinsamen Ministerrat, einer gemeinsamen Außenpolitik, einer k.u.k. Armee (zusätzlich zwei Landwehren), einem Zoll- und Handelsbündnis, einer Oesterreichisch-ungarischen Bank und einer Währung. Galt in der österreichischen Reichshälfte die grundsätzliche Gleichberechtigung aller Nationalitäten und ihrer Sprachen, so gab es in der ungarischen Reichshälfte eine Abstufung zwischen ungarischer Nation und den verschiedenen Nationalitäten.

          Mit dem zukunftsweisenden Reichsvolksschulgesetz von 1869 wurde die interkonfessionelle, achtjährige staatliche Pflichtschule mit allgemeiner Schulpflicht bis zum vierzehnten Lebensjahr eingeführt, in der nicht nur jedes deutsche, sondern auch jedes tschechische, polnische, ruthenische, rumänische, serbische, kroatische, slowenische und italienische Kind in seiner Muttersprache erzogen wurde. Ungarn führte hingegen die sechsjährige Schulpflicht mit zunehmend ungarischer Unterrichtssprache ein.

          Das Reich Franz Josephs blieb ein gemeinsames Wirtschafts-, Währungs- und Zollgebiet, das von einem gemeinsamen Arbeitsmarkt, dem Wettbewerb der Produzenten, einer effektiven Verkehrsinfrastruktur (Eisenbahnen, Flüsse und Kanäle), einem hochwertigen Dienstleistungs- und Versorgungssektor und dem Kapitalfluss zwischen den einzelnen Regionen profitierte. Die sich ergänzenden Industrie- und Agrargebiete sowie moderne Dienstleistungszentren (Wien, Budapest, Prag, Triest) stellten für den inneren Markt einen großen Vorteil dar, der manche Nachteile gegenüber den großen Industrie- und Exportnationen Vereinigte Staaten, Deutschland, Großbritannien und Frankreich aufwog. Trotz des ausgedehnten Großgrundbesitzes in den böhmischen Ländern, Ungarn und Galizien sowie des umfangreichen Aktienkapitals bei den Großbanken und Großindustrien besaßen auch die Unternehmer und Hausbesitzer, die staatlichen Beamten und die Industrieangestellten und -arbeiter einen beträchtlichen Anteil am Nationalvermögen.

          Freiräume für Kritik in den Medien

          Deutliche Entwicklungsrückstände waren lediglich in den östlichen, südöstlichen und südlichen Regionen des Reiches zu erkennen. Die Arbeitslosigkeit lag in den Industriezentren wie Wien, Budapest, Prag, Pilsen, Aussig, Reichenberg, Brünn, Mährisch-Ostrau, Graz, Pécs, Fiume und Triest unter drei Prozent, allerdings waren allein zwischen 1876 und 1912 mehr als vier Millionen Personen emigriert, die Mehrzahl in die Vereinigten Staaten. Bei allen gesellschaftlichen Privilegien für die Aristokratie und bei allen Vorteilen für das zum Teil jüdische Großbürgertum, gab es für alle Staatsbürger in beiden Reichshälften ein hohes Maß an Rechtssicherheit, sozialpolitische Leistungen wie sonst nur im Deutschen Reich und in der Schweiz, relativ weit gesteckte Bildungschancen und eine erfreuliche Aufstiegsmobilität.

          Auch die Meinungsfreiheit war bei deutlich abnehmenden Zensureingriffen immer besser gesichert; sogar die Freiräume für zum Teil verletzende Kritik in den Medien öffneten sich. Nicht nur die Wiener Medizinische Schule und die österreichische Schule der Nationalökonomie genossen Weltruf, österreichische und ungarische Professoren waren auch international anerkannte Autoritäten in der Chemie, theoretischen Physik, Astronomie, Geographie, Philologie, Musiktheorie und im Staatsrecht. Im Widerspruch gegen die beharrenden Kräfte am Kaiserhof, in der Armee und in der Politik entwickelte sich seit den 1890er Jahren eine unglaublich dynamische Wiener, Prager und Budapester Moderne sowohl in Architektur und Malerei als auch in Dichtkunst und Musik. Bei aller bereits zeitgenössischen Anerkennung verlor aber Arthur Schnitzler für den „Lieutenant Gustl“ seinen Rang als Reserveoffizier, und Gustav Klimts „Fakultätsbilder“ gerieten zum Skandal, als eine nackte Frau die Allegorie der Philosophie darstellte.

          Freilich gab es zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts Kassandrarufe, dass Österreich-Ungarn dabei sei, wirtschaftlich zurückzufallen, aber unfähig sei, sich aus seiner Lethargie aufzuraffen und mit den umliegenden Staaten zu wetteifern. So bezeichnete im Jahre 1900 der österreichische Ministerpräsident Koerber in einem Bericht an den Kaiser den Sprachenstreit bereits als „hauptsächlichste Ursache des auf allen Gebieten öffentlicher Wirksamkeit eingetretenen Stillstandes“. Aber der „Times“-Korrespondent Henry W. Steed war beim Verlassen Wiens 1913 außerstande, in zehn Jahren „ständiger Beobachtung und Erfahrung einen ausreichenden Grund“ zu entdecken, weshalb die Habsburgermonarchie „nicht ihren rechtmäßigen Platz in der europäischen Gemeinschaft behalten sollte“.

          Ein todgeweihtes Staatswesen

          Seit dem Zerfall der Habsburgermonarchie Ende Oktober 1918 befassten sich viele Wissenschaftler mit den Ursachen von Bestand und Auflösung des habsburgischen Vielvölkerreiches. Jahrzehntelang ließen nationalistische, sozialistische, faschistische, nationalsozialistische und kommunistische Politiker, Ideologen, Historiker, Soziologen, Politologen, Juristen und Nationalökonomen sowohl aus den Nachfolgestaaten als auch aus den Imperien der ehemaligen Kriegsgegner kein gutes Haar an Österreich-Ungarn. Zweifellos hatten Obstruktionspolitik, Zwangsassimilation, Hochverratsprozesse und Attentate radikaler deutscher, tschechischer, magyarischer, ruthenischer, rumänischer, serbischer und kroatischer Nationalisten, die in vielen Printmedien übergebührlichen Niederschlag fanden, nicht nur Zeitgenossen die Anschauung vermittelt, dass Österreich-Ungarn ein todgeweihtes Staatswesen sei.

          Nach dem Zweiten Weltkrieg änderten sich die Feindbilder gegenüber der Habsburgermonarchie vorerst nur wenig - weder im Westen noch im Osten. Der gebürtige Wiener Robert A. Kann hielt hingegen in seiner „Geschichte des Habsburgerreiches 1526-1918“ (1974) dessen „einmalige“ Bedeutung fest: als „Vereinigung von Herrschaftsgebieten ungleichen politischen Ranges“; für den „Schmelztiegelprozess“ der Vereinheitlichung vieler Nationalitäten und Religionen durch Verwaltung, Schule, Militär und Wirtschaft; in der Vermittlung westlicher Werte und Zivilisation an die östlichen und südöstlichen Gebiete des Reiches, einschließlich vieler Elemente des Rechtsstaates; und im kosmopolitischen Charakter des geistigen und künstlerischen Lebens.

          Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und den Revolutionen von 1989 im östlichen Europa versucht die internationale Geschichtswissenschaft dem konstruktiven Ordnungs- und Gestaltungswillen des habsburgischen Reichsgedankens einigermaßen gerecht zu werden. Alle Erben der ehemaligen Habsburgermonarchie stießen auf die Probleme des alten Österreich-Ungarns mit seinen Spannungen zwischen Tradition und Fortschritt, Ordnung und Freiheit, Souveränität und Solidarität. Gegen die Ideen von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ hatte Franz Joseph meist auf die Trias „Pax, Securitas, Justitia“ gesetzt. Dennoch löste er nach dem Attentat von Sarajevo mit seiner Kriegserklärung an Belgrad am 28. Juli 1914 eine Kettenreaktion aus, die binnen zweier Wochen mit Mobilmachungen und Kriegserklärungen ganz Europa in Flammen setzte, die alle Kriegsgegner mitzuverantworten hatten, da „keiner dem Krieg aus dem Weg gehen wollte“.

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