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Eigentum und Liebe in China : Haben ist Sein

  • -Aktualisiert am

Der Himmel über Peking Bild: picture-alliance / Ben McMillan/

Ein Frau wurde verlassen und weiß nicht warum: Sie hat doch einen guten Job und zwei abbezahlte Wohnungen. Warum in Peking das Eigentum und die Liebe einander bedingen.

          Der Überlebenskampf in Peking ist vielleicht auch deshalb so schnell, weil alle genau zu wissen glauben, worum sie kämpfen müssen. Aber manchmal täuscht sich der eine oder die andere auch.

          Im größten der drei Kentucky Fried Chicken des Südbahnhofs sitzt eine zierliche junge Frau mit neusachlichem Kurzhaarschnitt vor ihren Hühnerteilen und spricht ununterbrochen in ein mit dem iPhone verbundenes Mikrofon, das vor ihrem Kopf befestigt ist. Sie spricht so cool, schnell und energisch, als ob sie irgendwelche Netzanschlüsse verkaufen wollte oder über Freunde tratschte.

          „Er hat es jetzt viel schlechter als bei mir“

          In Wirklichkeit spricht sie, wie niemandem in ihrer Umgebung in dem Imbisslokal, nicht einmal dem mit Freunden anwesenden Ausländer, entgehen kann, über ihr eigenes Leben. Über die ständigen Dienstreisen zuerst, die sie beklagt, aber doch auch wieder gut findet: „Auf Dienstreisen ist man nicht so erschöpft.“

          Dann über einen Mann, der ihr alles Mögliche versprochen, sie dann aber offenbar sitzengelassen hat – und dies, obwohl sie, wie sie im Weiteren ausführt, eigentlich alle Bedingungen für eine erfolgreiche Beziehung erfüllt: „Ich bin ja doch kein Niemand in Peking. Mein Beruf zählt zu den zehn bestbezahlten der Stadt. Ich gehöre zwar nicht zu den Spitzenverdienern, aber doch zu den oberen Klassen. Ich habe in Peking zwei vollständig abbezahlte Wohnungen. Ich verdiene mehr als zwanzigtausend Yuan im Monat, und ich brauche keine Miete und keinen Kredit mehr zurückzuzahlen. Ich lebe frei. Dieser Mann aber ist jetzt mit einer anderen Frau zusammen. Sie haben eine Wohnung auf Kredit gekauft und müssen jeden Monat viel zurückzahlen. Er hat es jetzt viel schlechter als bei mir. Ich weiß wirklich nicht, was ich nicht habe.“

          Atemloser Kampf ohne Unterbrechung

          So ist das Leben in Peking: Wer um Eigentum kämpft, kämpft auch um Liebe und umgekehrt. Wer sich keine Wohnung leisten kann, heiratet gar nicht erst, wer wäre schon so verantwortungslos. Und wer mehrere Wohnungen besitzt, lässt sich wieder scheiden, wenigstens pro forma, um den neuen Steuern für Zweit- und Drittwohnungen zu entgehen. „Ich muss etwas tun“, sagt die junge Frau in ihr Mikrofon: „Wenn er mich so sitzenlässt, muss ich etwas tun, dass auch er darunter leidet.“

          Wie um ihre Worte zu unterstreichen, steht sie plötzlich auf, wirft sich ihre Computertasche um und verlässt, weiter redend, aber jetzt nicht mehr verständlich, mit geschmeidigen Schritten das Lokal, durstig nach neuen Taten in diesem atemlosen Kampf der Stadt, der keine Unterbrechung duldet.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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