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Twitter-Debatte : Wo keiner das letzte Wort hat

Affektkontrolle, Datenverlust: Robert Habeck bei einer Offline-Debatte im schleswig-holsteinischen Landtag im Juni 2018 Bild: dpa

Ist Twitter ein Medium der Spaltung, wie Robert Habeck sagt? Im Gegenteil. Warum das Medium besser ist als sein Ruf

          Kurz nach Weihnachten hatte der amerikanische Präsident offenbar das Bedürfnis, sich zum Stand der amerikanisch-mexikanischen Beziehungen zu äußern, speziell der ökonomischen, und so behauptete er, auf Twitter natürlich, dass die Vereinigten Staaten früher viel Geld verloren hätten beim Handel mit Mexiko. Und weil ihm anscheinend das Gewinnen geläufiger als das Verlieren ist, ging der Wortlaut so: „The United States looses soooo much money...“.

          Genau: „looses“ stand da, es steht da immer noch – und jeder, der wollte, konnte die Antwortfunktion benutzen oder gleich das ganze Statement retweeten und dabei den Schreibfehler, den Denkfehler oder auch beides korrigieren, kommentieren und gegebenenfalls auch verspotten. Es habe ungefähr 28.000 Antworten gegeben bis Samstagvormittag, zeigt jetzt Twitter an – und auch wer es nicht schafft, alle zu lesen, sieht doch bei Durchsicht der ersten hundert Antworten, dass Spott und Entsetzen überwiegen: „He went to Trump University. That’s why.“

          Das Beispiel zeigt nicht nur, dass bei Twitter alles möglich ist – es zeigt auch ganz gut, was dort ausgeschlossen ist: Wer ein Machtwort sprechen möchte, kann es gern versuchen. Es werden sich aber immer ein paar Leute finden, die nicht nur widersprechen, sondern für alles, was wie Pomp, hohles Pathos, rhetorische Prätention aussieht, das Gegenmittel haben: einen Witz, eine Pointe oder auch nur die präzisere Information.

          „So viel Hass, Böswilligkeit und Hetze“

          Es ist in der vergangenen Woche viel gesprochen und geschrieben worden über Twitter, meistens schlecht, fast immer pessimistisch und oft so, als ob dieses Medium bei dem, der es nutze, wie ein Rauschmittel wirke: ein Suchtgift, das den Kopf verneble, die Nerven zerrütte, die Umgangsformen zerstöre, was der arme Süchtige aber hinnehme, weil er die Likes und Retweets noch dringender brauche als der starke Raucher die Zigaretten. So, oder so ähnlich, haben das Medienwissenschaftler in die Zeitungen hineingeschrieben. Und Robert Habeck, der allseits so beliebte Grünen-Vorsitzende, hat, nachdem er in einem Twitter-Video einen rechten Unsinn über die Demokratie im Staat Thüringen gesagt hatte, wider besseres Wissen, sein Twitterkonto gelöscht und in seinem Blog geschrieben, Twitter sei „wie kein anderes digitales Medium, so aggressiv, und in keinem anderen Medium gibt es so viel Hass, Böswilligkeit und Hetze.“

          Viele glauben das gerne, und sie alle wissen, warum das so sei: die Kürze, die Schnelligkeit, das fehlende Gegenüber, der Schutz durch ein Pseudonym, und natürlich der leichte Zugang zum Medium, der dazu führe, dass, was früher, an einem Stammtisch nach drei Halben, zwar ausgesprochen wurde, dort aber auch verblieben und schnell vergessen worden sei, jetzt im Netz stehe und stehenbleibe, unwidersprochen, in seiner ganzen ressentimentgeladenen Hässlichkeit.

          Das Gegenteil des Eindeutigen, Lauten, Bösen

          Aber stimmt das überhaupt? Jeder hat seine eigene sogenannte Timeline, keine kann das ganze Twitter überblicken – aber vermutlich ist es nicht nur ein Blasenphänomen, wenn man bei Durchsicht der Antworten, die man selber so bekommt, irgendwann merkt, dass die Trolle, die Hetzer, die Beleidiger fast immer solche Nutzer sind, die elf Follower haben oder vierunddreißig; anscheinend ist die digitale Einsamkeit so groß, dass sie so laut da herausbrüllen müssen.

          Das allseits (gerade zum Beispiel im „Spiegel“) kolportierte Urteil, wonach, wer am lautesten brülle, am aggressivsten meine, am bösesten schimpfe, sich durchsetze, lässt sich nicht dementieren, weil immer irgendwer irgendwen kennt in den unendlichen virtuellen Weiten, auf den so eine Behauptung zutrifft. Bestätigen lässt sich die Meinung erst recht nicht – im Gegenteil. Es sind die Schriftlichkeit und die relative Kürze, welche offensichtlich solche Tweets am reizvollsten machen, die Witz, Intelligenz, womöglich eine Pointe haben. Am Freitagmorgen zitierte eine Nutzerin die Schriftstellerin Kathrin Passig mit der Aussage, man sei als Autor nicht nur von den Schriftstellern beeinflusst, die man gelesen, sondern auch von denen, die man nicht gelesen habe. In der Hinsicht sei sie sehr von Thomas Pynchon beeinflusst. Muss man nicht komisch finden; aber solche Tweets sind das Gegenteil des Eindeutigen, Lauten, Bösen. (Ganz zu schweigen davon, dass „Wandrers Nachtlied“ oder die meisten Sätze aus Wittgensteins „Tractatus“ spielend in einen Tweet passen.)

          Die Frage, was Twitter mit uns macht, bleibt trotzdem wichtig. Nur hat die Antwort nichts mit unseren Befindlichkeiten zu tun. Und alles mit unseren Daten auf den Servern von Twitter und den Algorithmen, die sie verarbeiten.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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