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Guttenwahn : Zwei Wochen deutsches Psychodrama

  • -Aktualisiert am

Intellektuelle und soziale Einsamkeit: Karl-Theodor zu Guttenberg Bild: AP

Es mussten nur die drei deutschen Heiligtümer Dissertation, Bayreuth und Karl-Theodor zu Guttenberg knirschend aufeinandertreffen - und schon vernebelte sich die öffentliche Diskussion. Erschreckend, wie instabil die deutsche Normalität ist.

          In der französischen Bourgeoisie kennt man die „bouffée délirante aiguë“, eine zeitlich begrenzte Episode klinischen Wahnsinns, die diskret in idyllisch gelegenen Spezialkliniken auskuriert wird. Danach geht selbstverständlich alles weiter wie immer. So etwas hatten wir gerade: Politik, Medien, Öffentlichkeit - zwei Wochen währte unsere BDA. Und noch immer erscheinen, wenn man die Augen schließt, eine dunkle Gelfrisur und diese Brille.

          Manche leiden länger: Gestern noch forderte Ernst Elitz im Fanzine Guttenbergs, der „Bild“-Zeitung, Gerechtigkeit für sein Idol, weil ja auch Ostdeutsche den Doktortitel führen, die über Marxismus promoviert haben, also „in Parteigewäsch“, wie Elitz wusste. Da wurde kurzerhand die moralische Benchmark für den einstigen Erneuerer der Wahrhaftigkeit bürgerlicher Politik auf das Level von Stasi-Unis gesenkt, als würde der Verweis auf den einen Missstand den anderen aufheben. Weiter fordert Elitz das Ende der innerparteilichen Intrige als Mittel der Politik - und warum nicht noch ein Pony für seine Tochter? Ganz offensichtlich laboriert der Mann noch am Guttenbergsyndrom herum.

          Ohne die Wahnvorstellungen, die durch die psychisch schwer zu kompensierende Kollision der drei deutschen Heiligtümer Dissertation, Bayreuth und Karl-Theodor zu Guttenberg ausgelöst wurden, wäre die Sache schnell zu beenden gewesen. Guttenberg hat sich das Gerüst selbst gezimmert, in dem er nun verschwunden ist. Niemand konnte ihn retten, niemand hätte es vermocht, ihn zu stürzen. Es gab keine Krise mehr zu managen: Wer Guttenplag gelesen hatte und Deutschland kennt, wusste, dass Guttenbergs politische Karriere beendet ist. Man konnte nur zusehen.

          Vorhaltungen wie aus einer amerikanischen Vorabendserie

          Und doch wuchs sich der nach den Worten Norbert Lammerts „deprimierend eindeutige“ Fall der plagiierten Dissertation zu einem wochenlangen Psychodrama aus. Dabei fiel auf, wie ratlos die Personen an der Spitze agieren, wie selbstbezüglich ihnen jede Kommunikation gerät, als würden sie nur zu Spiegelbildern und imaginierten Adressaten sprechen können und Taktiken und Strategien anwenden, die nur noch ihnen selbst einleuchten. Die Theorie der Kanzlerin zu den zwei Körpern des Karl-Theodor, also Doktor Guttenberg und Mister Minister, kann man nur als Symptom lesen. Sie hatte die Qualität der Statements von Bagdad Bob, Saddams letztem Sprecher, der den Untergang jener amerikanischen Truppen verkündete, die ihm gerade sein Ministerium wegbombten. Der Titel ist Teil des Namens, und der garantiert seit der frühen Neuzeit die Identität der Person mit sich selbst. Er bildet somit die Basis der persönlichen Ehre, und die lässt sich nicht teilen.

          In der Demokratie ist die Sprache das wichtigste Mittel der politischen Willensbildung, daher ist das Gesetzgebungsorgan nach dem Akt des Sprechens benannt. Es besteht also Grund zur Sorge, wenn die Abgeordneten, vor allem die der Opposition, ihren Auftrag zur Kontrolle der Exekutive schon deshalb nicht erfüllen können, weil ihnen schlicht kein gerader Satz gelingt. Wenige, präzise Fragen hätten gereicht: Welche Fehler haben Sie gemacht? Wie haben Sie die Arbeit geschrieben? Haben Sie, als Sie das erste druckfrische Exemplar in Händen hielten, den ersten Satz gelesen? Stattdessen gab es bescheuerte Anredespielchen und moralische Vorhaltungen wie aus einer amerikanischen Vorabendserie.

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