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Guttenbergs Kaliber : Gerichtsfest

Mit dem Rücktritt sind längst nicht alle Fragen geklärt - das hat die Universität Bayreuth mitgeteilt Bild: dpa

Das Beharren auf den Eigenlogiken der Sphären von Wissenschaft und Lebenswelt hat den Verteidigungsminister zu Fall gebracht. Er verkannte, dass Wissenschaft keine unpolitische Veranstaltung ist.

          Warum hat er bis zuletzt die entscheidenden Worte nicht über die Lippen gebracht? Warum hat er die wissenschaftliche und bürgerliche Welt bis aufs Blut provoziert, indem er die vor aller Augen liegende Täuschungsabsicht bestritt? Statt den Vorsatz einzuräumen, ohne den sich Hunderte von Seiten nicht abschreiben lassen, erklärte der Minister seine Doktorarbeit zum autopoietischen Naturgeschehen. Den Täuschungsvorsatz mit einer Übersprungsrhetorik der Selbstanklage kaschieren zu wollen ist für den Staatsrechtler Oliver Lepsius, den Nachfolger von Guttenbergs Doktorvater Peter Häberle, ein Fall für die Psychologen. Aber ist es das wirklich?

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Ist es nicht doch eher ein Fall für Juristen in dem sehr spezifischen Sinne, dass Guttenberg „von Herzen“ und „mit Freuden“ vielleicht mehr Jurist ist, als seine Doktorarbeit ahnen lässt? Die Dinge nicht beim lebensweltlichen Namen zu nennen ist ein klassischer Fall von juristischer Systemlogik, die - vereinfacht gesprochen - es darauf anlegt, zu trennen, was zusammengehört, um die künstlich isolierten Fakten unter neue, wahlweise entlastende oder belastende Kategorien zu subsumieren. Bis zuletzt glaubte Guttenberg, es reiche, sich gerichtsfest, nicht aber wahrheitsfest zu äußern.

          Die Zwei-Körper-Theorie der Bundesregierung, gegen die die Wissenschaft mit Tausenden von Unterschriften Front machte, schien dieser juristischen Trennungslogik entgegenzukommen. Am Ende war es weniger das Plagiat selbst als das aufreizende Beharren auf den Eigenlogiken der Sphären von Wissenschaft und Lebenswelt, welches den Minister zu Fall brachte.

          Sprach den entscheidenden Sprengsatz: Der Bayreuther Ordinarius Oliver Lepsius

          Eine Sonderwelt im Sinne der Bundeskanzlerin?

          Die Juridifizierung der Affäre Guttenberg diente ihrer Verschleierung. Niemand hat das in den letzten Tagen so klar gesehen und bekämpft wie Oliver Lepsius, der es darauf anlegte, die Trennungslogik seiner Zunft brachial zu durchbrechen. Während etwa sein Kollege, der Rechtshistoriker Michael Stolleis, noch einen Tag vor dem Rücktritt des Ministers die Wissenschaft als Sonderwelt im Sinne der Bundeskanzlerin beschwor, erklärte Lepsius am selben Abend im „heute journal“: „Eine zweite Chance kriegt Herr zu Guttenberg nur durch seinen Rücktritt.“ Stolleis dagegen schrieb in der „Süddeutschen Zeitung“: „Mit Empfehlungen an die Politik, einen Minister wegen verspielter Glaubwürdigkeit (woran kein Zweifel mehr möglich ist) zu entlassen, begeben sich Wissenschaftler aber in ein System, das anderen Regeln folgt.

          Die international regierende ehrenwerte Gesellschaft ist mit Delinquenten viel schwereren Kalibers durchsetzt. Hier werden Vor- und Nachteile ganz anders abgewogen als im streng geregelten und geschützten Raum der Wissenschaft.“ Die Botschaft dieses redlichen Wissenschaftlers ist klar: Nur ja nicht an den ehernen Systemgrenzen rühren! Nur ja nicht politisch werden!

          Originalton Rücktrittserklärung: „Es würde daher nach meiner Überzeugung im öffentlichen wie in meinem eigenen Interesse liegen, wenn auch die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen etwa bezüglich urheberrechtlicher Fragen nach Aufhebung der parlamentarischen Immunität, sollte dies noch erforderlich sein, zeitnah geführt werden können.“ Noch beim Rücktritt zeigte sich Guttenberg um die juristische Konzeptualisierung seiner Affäre besorgt. Freilich dürfte die Staatsanwaltschaft, die von Guttenberg gestern herbeizitiert wurde, eher nach den Kategorien von Lepsius arbeiten als nach denen von Stolleis. Der scharfe Angriff von Lepsius auf Guttenberg („Wir sind einem Betrüger aufgesessen“) wirkte wie ein Befreiungsschlag, um sich mit dem Täuschungsvorwurf nicht in die Sonderwelt der Promotionsordnungen abschieben zu lassen.

          Sprengsatz für die Frage nach der Amtsqualifikation des Ministers

          Demonstrativ schlug Lepsius den Bogen von der Wissenschaft zur Lebenswelt, einen Bogen, den Stolleis zu ziehen für nicht statthaft hält. Im Blick auf die Kelkheimer Erklärung Guttenbergs, in den sieben Jahren seiner Promotion „möglicherweise an der ein oder anderen Stelle, an der ein oder anderen Stelle auch zu viel, auch teilweise den Überblick über die Quellen verloren“ zu haben, stellte Lepsius die Frage des Kindes in des „Kaisers neue Kleider“: „Wenn er in diesem Fall nicht wusste, was er tut, weiß er es dann in anderen Fällen?“

          Dieser Satz wirkte am Ende als Sprengsatz für die Frage nach der Amtsqualifikation des Ministers. Dieser Satz ließ kein Verschanzen hinter Zwei-Körper-Theorien mehr zu. Dieser Satz war gerade deshalb so gefährlich, weil er aus dem streng geregelten und geschützten Raum der Wissenschaft kam. Dass der geschützte Raum nicht mit einem Schutzraum zu verwechseln ist, machte umgehend nach dem Rücktritt Guttenbergs der Präsident der gebeutelten Universität Bayreuth, Rüdiger Bormann, klar. Der Rücktritt habe nichts daran geändert, dass die Arbeit der universitären Kommission zur Selbstkontrolle „unabdingbar bleibt“.

          Das Gremium werde zumal der Frage nachgehen, ob Guttenberg bei seiner Doktorarbeit vorsätzlich getäuscht habe. In dieser Ankündigung liegt eine Klarstellung, die den Rücktritt des Ministers überdauert: Auch nach ihren eigenen strengen Regeln kann Wissenschaft keine unpolitische Veranstaltung sein.

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