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Geschichte eines Unworts : Gutmenschgenese

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Als das Wort erstmals verwendet wurde, ging es um den deutschen Provinzialismus. Knapp ein Vierteljahrhundert später hat es als „Unwort des Jahres“ eine veränderte Bedeutung. Bild: dpa

Anders als seine Vorgänger hat das unlängst gekürte „Unwort des Jahres“ seinen Sinn binnen weniger Jahre stark verändert. Wer nachliest, wie das Wort Gutmensch anfangs verwendet wurde, erkennt in den heutigen Diskursen eine interessante Leerstelle.

          Abermals ist das „Unwort des Jahres“ nicht „Unwort“. Auch „Nordafrikaner“ schaffte es nicht, obwohl viele ja finden, dass schon mit dieser Bezeichnung die schlimmsten Orientalismen einhergehen, so dass, wer einen Tatverdächtigen als „nordafrikanisch“ beschreibt, implizit ganze Bevölkerungen beleidigt, weil damit so viele rassistische und sexistische Vorurteile einhergehen. (Zwischenfrage: Muss man eigentlich den niederträchtigsten Gebrauch, der von einem Wort gemacht werden kann, zum Maßstab seiner Verwendbarkeit erklären?) Wie auch immer: Zum Unwort des Jahres 2015 wurde unlängst „Gutmensch“ erklärt.

          Das ist insofern interessant, weil es sich um ein Wort handelt, das – anders als seine Vorgänger „Lügenpresse“, „Sozialtourismus“, „Opfer-Abo“ und „Döner-Morde“ – seinen Sinn binnen weniger Jahre stark verändert hat. Jedenfalls dann, wenn man mit der Unwort-Jury unterstellt, es diene heute zur Herabsetzung von ehrenamtlichem Engagement in der Flüchtlingshilfe. Als dem Herausgeber des „Merkur“, Karl Heinz Bohrer, das Wort 1992 untergejubelt wurde – von seinem Redakteur Kurt Scheel nämlich, der aus „Wörterbuch des guten Menschen“ das „Wörterbuch des Gutmenschen“ machte –, geschah das beim Redigat eines Textes über den deutschen Provinzialismus, den man auf der Website des „Merkur“ jetzt noch einmal nachlesen kann. Der Zeitabstand zu 1992 wird dann deutlich. Denn Gutmenschen schalt Bohrer damals gerade jene, die meinten, eine „deutsche Identität“ lasse sich auf regionaler Grundlage gewinnen, die einen larmoyanten Moralismus pflegten und unempfänglich seien für die Ambivalenzen der Moderne.

          Eine Leerstelle

          Jenes Wörterbuch des Gutmenschen wollte er mit Einträgen wie „Streitkultur“, „eigensinnig“ oder „Querdenker“ bestücken, die zum Ausdruck brächten, dass Polemik und politischer Streit nicht normal sind und dem Anspruch, gegen die Mehrheit recht zu haben, eine Sonderrolle mit eigenem Namen zugewiesen werden muss. Derlei Kitsch hatte für Bohrer auch politische Folgen, die er an der damaligen Asyldebatte veranschaulichte. Denn nicht nur kriminelle Jugendliche, die Flüchtlingsheime attackierten, belegten die Provinzialität vieler Deutscher: „Vielmehr orientieren eine schweigende Mehrheit, nicht zuletzt aber prominente westdeutsche Politiker ihre Vorstellung von deutscher Nationalität an ethnischen Kriterien anstatt an kulturell-politischen. Dann haben natürlich Russland-Deutsche mehr Anspruch auf bundesrepublikanische Unterstützung als die hierher geflohenen Südländer.“

          Nicht, dass die politische Lage von 1992 der heutigen schon dadurch ähnelte, weil es wieder um Einwanderung geht. Was aber eindrucksvoll bleibt: Bohrer und sein Redakteur attackierten damals die Fremdenfeinde mit demselben Begriff, den sie auch zur Beschreibung des religiösen Eiapopeia von Kirchentagen, der Pädagogisierung des Geistes an den Universitäten und der Phrasen von Kapitalismuskritikern einsetzten. Das bezeichnet angesichts der gegenwärtigen Polarisierung von rechtem, giftigem und linkem, beschönigendem Kitsch in der Flüchtlingsfrage heute eine Leerstelle.

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